Anschlagstechniken

1 Freier Anschlag mit Stützfinger

Cognizioni Elementari von Ignazio Maria Colson, Florenz 1816.
Cognizioni Elementari von Ignazio Maria Colson, Florenz 1816.

Die Übertragung der Stützfingertechnik von der Laute auf die Gitarre hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Haltung der Anschlagshand sowie auf die Anschlagstechnik. Damit ließen sich die beiden grundlegenden Lautentechniken - die Daumen-innen-Technik und die Daumen-außen-Technik - auch auf der Gitarre anwenden. Die Übernahme dieser Techniken lag nahe, da die Gitarre im 18. Jahrhundert mit fünf Chören bespannt war und erst gegen dessen Ende fünf und schließlich sechs Einzelsaiten erhielt.

Für die Daumen-innen-Technik war eine waagerechte Gitarrenhaltung mittels Trageband erforderlich. So konnten Unterarm und Hand parallel zu den Saiten positioniert werden, ähnlich wie bei der sechschörigen Renaissancelaute. Dabei wurde die Hand leicht nach rechts gedreht und der kleine Finger seitlich auf die Decke gesetzt. Der Daumen bewegte sich beim Anschlag in Richtung Handinnenfläche. Durch die parallele Stellung der Finger vergrößerte sich die Kontaktfläche zu den leicht rauen Darmsaiten. In Kombination mit dem Kuppenanschlag konnte so ein weicher, ausgewogener und nuancenreicher Ton erzeugt werden. Insbesondere bei einfachen melodischen Stücken entfaltete diese Technik ihren klanglichen Reiz. In der Ikonografie um 1800 finden sich jedoch nur wenige Beispiele für diese Anschlagstechnik. In den zeitgenössischen Gitarrenschulen wurde sie nicht erwähnt.

Méthode pour la Guitare von Bénigne Henry, Paris 1826.
Méthode pour la Guitare von Bénigne Henry, Paris 1826.

Um die Jahrhundertwende wurde die Gitarre üblicherweise so gespielt, dass der Korpus auf dem rechten Oberschenkel abgestützt wurde und das Instrument in steiler Schräglage mit der linken Hand gehalten wurde. Dabei lag der rechte Unterarm auf dem oberen Zargenrand auf. Der kleine Finger wurde mit der Spitze auf die Decke gesetzt. Die Hand wurde diagonal zu den Saiten gehalten, wobei der Daumen nach außen zeigte. In Paris beschrieb Barthélemy Trille Labarre erstmals die Daumen-außen-Technik für die fünfsaitige Gitarre. In seiner Nouvelle Méthode pour la Guitarre (1797) heißt es: "Man muss den Daumen etwas flach auf die Saite legen, ihn dann gegen die Decke drücken und so die Saite dazu bringen, unter ihm hinwegzugleiten, wobei vermieden werden muss, sie mit der Unterseite des Daumens zu zupfen, sondern immer mit der vollen Spitze des ersten Fingerglieds. [...] Er muss eine Querlinie beschreiben, um eine Berührung mit dem Zeigefinger zu vermeiden, den er überragen muss. Da der Zeigefinger und die beiden anderen Finger unter dem Daumen hindurchlaufen, wird ihre Funktion nicht beeinträchtigt" (S. 21, Übers.). Auch der Bewegungsablauf der Anschlagsfinger wurde beschrieben: "Sie müssen über den Saiten gerundet sein und dürfen nur so stark angespannt werden, wie man mehr oder weniger laute Töne aus dem Instrument herausholen möchte, und anschließend wieder in Richtung Handfläche zurückgezogen werden" (S. 22, Übers.). Dabei durften die Saiten nur mit den Fingerspitzen berührt werden. Kurz darauf übertrugen Jean-Baptiste Phillis und François Doisy diese Technik auf die sechssaitige Gitarre. Der Daumen musste nun eine Basssaite mehr anschlagen, die Bewegungsabläufe blieben jedoch gleich.

Learning the Guitar simplified von Catharina Josepha Pratten, London 1883.
Learning the Guitar simplified von Catharina Josepha Pratten, London 1883.

Im deutschsprachigen Raum wurde diese Technik ebenfalls für die sechssaitige Gitarre verwendet. In einigen Gitarrenschulen finden sich dazu ergänzende Informationen. So fügte Heinrich Christian Bergmann in seiner Kurze[n] Anweisung zum Guitarrspielen (1802) den Hinweis hinzu, dass die Saiten "so leicht wie möglich" mit den Fingerspitzen berührt und die Töne "mit gleicher Stärke und Schwäche" angeschlagen werden sollten (S. 25). Johann Jakob Stählin betonte in seiner Anleitung zum Guitarrespiel (1811), dass der Anschlag "nicht von unten herauf", sondern "von der Seite" erfolgen müsse (S. 6). August Harder beschrieb den seitlichen Anschlag detailliert in seiner Guitarre-Schule (1813): "Diesemnach lege man die Fingerkuppe an die anzuschlagende Saite an, drücke sie nach der entgegengesetzten Seite und lasse dann den Finger mit einiger Kraft davon abschnellen. Dabei bleibe die Hand in einer möglichst-ruhigen Lage, so, dass der Anschlag nur mit einer mässigen Bewegung der Finger, die man übrigens nicht zu sehr gebogen oder gekrümmt halten muss, geschehe" (S. 41). Francesco Bathioli kritisierte in seiner Gemeinnützige[n] Guitareschule (1825), dass die Saiten mit dieser frühen Anschlagstechnik zu kraftlos angeschlagen würden und einen "kleinen, spitzigen und zwitschernden" Ton erzeugten. Er empfahl, die Finger "etwas tief" zwischen die Saiten zu setzen und sie mit den Fingerspitzen "ein- und zugleich etwas aufwärts" auszuschnellen, um einen "runden, vollen und gediegenen Ton" zu erzeugen. Die Finger sollten demnach von etwas unterhalb der Saitenebene kommen. Der Daumen hingegen sollte die Basssaiten "ein- und zugleich etwas abwärts" ausschnellen (I/1, S. 27).

Die Formulierungen deuten darauf hin, dass die Bewegungen der Anschlagsfinger aus den Grund- und Mittelgelenken erfolgten, während der gestreckte Daumen vorwiegend vom Sattelgelenk bewegt wurde. Diese Annahme wird durch französische Gitarrenschulen, unter anderem von Lintant, Meissonnier, Mathieu, Aubéry du Boulley und Carcassi, bestätigt. Diese empfahlen, beim Zupfen nur die Fingerknöchel zu bewegen, und warnten davor, die Finger hakenförmig zu krümmen. Anstatt die Saiten senkrecht nach oben herauszuzupfen, sollte man sie schräg zupfen. Ähnliche Formulierungen finden sich in englischsprachigen Quellen, beispielsweise bei Hamilton, Kirkman und Sagrini.

Learning the Guitar simplified von Catharina Josepha Pratten, London 1883.
Learning the Guitar simplified von Catharina Josepha Pratten, London 1883.

In den 1820er Jahren kamen zwei modernere Gitarrenhaltungen auf. Dabei wurde die Gitarre mit der Zargeneinbuchtung entweder auf den linken oder den rechten Oberschenkel gelegt. In beiden Fällen wurde die Gitarre tiefer platziert als bei der klassischen Haltung. Obwohl dies für die Stützfingertechnik weniger vorteilhaft war, blieb diese bestehen. Eine Anpassung der Handposition und Anschlagstechnik wurde in den zeitgenössischen Gitarrenschulen kaum diskutiert. Lediglich Napoléon Coste beschrieb in seiner redigierten Neuausgabe von Sors Méthode (1851) eine entsprechende Handposition: "Stützen Sie den Unterarm auf der Kante des Instruments ab (C Abb.: 5.). Schieben Sie ihn so weit nach vorne, dass die Spitze des kleinen Fingers auf der Decke aufliegen kann, einige Zentimeter vor den Saiten, ungeachtet der Wölbung, die das Handgelenk D beschreiben muss, wenn es sich über die Ebene der Saiten erhebt" (S. 3, Übers.). Demnach musste der Unterarm weit nach vorne geschoben, die Hand deutlich gewölbt und der kleine Finger, wie Coste weiter ausführte, nur "sehr leicht" auf die Decke gesetzt werden. Der Anschlag erfolgte durch das Schließen der Hand, ohne dass diese vollständig geschlossen wurde. Zur Veranschaulichung verwendete Coste ein Bild aus Sors Méthode, das den freien Anschlag ohne Stützfinger zeigte. Bei Verwendung des Stützfingers wäre eine senkrechte Stellung der Finger zu den Saiten jedoch unmöglich. Realistischer sind die beiden Abbildungen aus Learning the Guitar simplified (1883) von Catharina Josepha Pratten1.

2 Freier Anschlag ohne Stützfinger

Während die Stützfingertechnik in Frankreich, Deutschland und Italien Standard war, konnte sie sich in Spanien nie richtig durchsetzen. Spanische Gitarristen stützten ihren rechten Unterarm gewöhnlich auf die große Zargenwölbung und hielten die Anschlagshand locker über den Saiten. Dabei war das Handgelenk leicht gewölbt, so dass die Fingerspitzen die Saiten nahe dem Schallloch mühelos berühren konnten. Eine Abbildung dieser Haltung findet sich in den Rudimentos para tocar la guitarra por música (1819) von J. M. G. y E. Der Autor ergänzte, dass die Saiten parallel zur Saitenebene angeschlagen werden mussten: "Beim Spielen darf der Finger nicht zu tief und zu weit hineingedrückt werden, so dass er beim Anschlagen der Saite gerade nach oben zeigt, sondern man muss mit dem Kopf der Fingerspitze in Richtung der unmittelbar daneben liegenden Saite anschlagen" (S. 4, Übers.).

Dionisio Aguado ging in seinen Lehrbüchern auch auf die gestreckte Haltung der Finger ein. Die Beschreibung in seiner Escuela de Guitarra (1825) bezog sich auf den Nagelanschlag: "Die Fingernägel [...] müssen verwendet werden, indem man die Saiten schräg anschlägt [...], wobei der Finger, der sie anschlägt, so weit wie möglich mit der erforderlichen Kraft gestreckt wird, ohne sie zu ergreifen, sondern indem man die Saite über die Innenseite des Fingernagels gleiten lässt, nachdem man sie zuvor mit der Fingerkuppe berührt hat" (I, S. 3f., Übers.). In Paris stellte Aguado diese Technik in seiner Méthode Complète (1826) vor. Adolphe Ledhuy übernahm sie direkt in seine Méthode de Guitare (1828), doch die Mehrheit der Pariser Gitarristen blieb skeptisch. Sie argumentierten, dass die Saiten beim Anschlag zu stark nach unten gedrückt würden.

F. Sor: Méthode pour la Guitare, 1830, Pl. VII., Fig. 18.
F. Sor: Méthode pour la Guitare, 1830, Pl. VII., Fig. 18.

Mit seiner Méthode pour la Guitare (1830) gab Fernando Sor der Diskussion neue Impulse. Er war sich mit den Pariser Gitarristen einig, dass die Anschlagsfinger nicht hakenförmig gekrümmt werden sollten. Wie Aguado kam er allerdings zu dem Schluss, dass die Finger senkrecht zu den Saiten gehalten und so wenig wie möglich gekrümmt werden sollten. Die Bewegung sollte hauptsächlich von den Grundgelenken ausgehen. Sor erklärte dazu: "Angenommen, A ist die Dicke der Saite (fig. 18), gibt der Zeigefinger beim Anschlagen den Impuls in Richtung Punkt B weiter. Die Reaktion muss in Richtung Punkt C erfolgen, und sobald die Wechselwirkung hergestellt ist, müssen die Schwingungen parallel zur Ebene der Decke und des Halses erfolgen, wobei der gleiche Abstand immer beibehalten wird. Es ist richtig, dass die Rundung der Fingerspitze, die sich ihren Weg bahnen will, dazu führt, dass die Saite, die sich als Hindernis darstellt, ihrem Impuls nachgibt, sie durch die Kurve DE dazu zwingt, gleichzeitig die Richtung nach F einzuschlagen, was die Reaktion FG hervorruft; aber der Raum, in dem diese Schwingungen stattfinden, ist viel kleiner, und da die erste auf kein Hindernis trifft, ist der Ton rein und so lang, wie es die Qualität der Saite und des Instruments zulassen" (S. 18, Übers.). Die Fingerspitzen sollten laut Sor in einer geraden Linie gegenüber den Saiten angeordnet sein. Dies war nur mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger möglich. Der Längenunterschied der beiden Finger konnte durch eine leichte Neigung der Hand nach links ausgeglichen werden. Den Ringfinger setzte Sor nur in bestimmten Fällen beim Akkordspiel ein.

Aguado und Sor konnten weitere Gitarristen in Paris von ihrer Technik überzeugen, darunter José Jesus Perez, Napoléon Coste und möglicherweise auch Pierre Joseph Plouvier. Plouvier entwickelte eine eigene Technik, die jedoch von den Spaniern inspiriert gewesen sein könnte. Wie diese forderte er, dass Unterarm, Handgelenk und Handrücken eine gerade Linie bilden sollten. Die Finger sollten nicht zu stark gekrümmt und die Saiten etwas seitlich gezupft werden. Im Unterschied zu Aguado und Sor setzte er den Daumen als Stützfinger auf die sechste Saite, wenn dieser nicht zum Anschlagen benötigt wurde. Perez bezog sich explizit auf seine großen Vorbilder Aguado und Sor. Er forderte, die Finger ohne Anstrengung senkrecht zu den Saiten zu halten, wobei die Fingerknöchel möglichst wenig hervortreten sollten. Die Saiten sollten schräg in Richtung der oberen Zarge und der Decke angeschlagen werden. Auch Coste orientierte sich an Sor. In seiner Neuausgabe von Sors Méthode reduzierte er dessen Erläuterungen zur Anschlagstechnik allerdings auf den Hinweis, dass der Anschlag parallel zur Ebene der Decke erfolgen müsse. Auf den Grad der Fingerkrümmung ging er nicht näher ein, was nachvollziehbar ist, da seine Handhaltung auf die Verwendung des Stützfingers ausgelegt war.

Nach seiner Rückkehr aus Paris überarbeitete Aguado seine Technik und bezog das Kuppenspiel mit ein. In seinem Hauptwerk Nuevo Método para Guitarra (1843) machte er den Grad der Fingerkrümmung davon abhängig, ob die Saiten mit den Fingerkuppen oder den Fingernägeln angeschlagen wurden: "Ohne Fingernägel muss man die Finger krümmen, um die Saiten zu erhaschen oder zu fassen. Mit Fingernägeln krümmt man die Finger weniger, damit die Saite über den Fingernagel gleiten kann" (I, S. 6, Übers.). Daumen und Finger sollten nur ihre Endgelenke bewegen, um einen "sicheren und energischen Anschlag" zu erreichen (I, S. 12, Übers.). Im Apéndice (1849) stellte er neben seiner bevorzugten Technik, die Saiten mit der Innenseite der Fingerkuppe oder des Fingernagels anzuschlagen, auch die Möglichkeit vor, sie mit der Mitte derselben anzuschlagen. In diesem Fall mussten Hand und Finger im rechten Winkel zu den Saiten gehalten werden2.

3 Angelegter Anschlag

Im frühen 19. Jahrhundert war der freie Anschlag mit Stützfinger die dominierende Anschlagstechnik. Die Hand war zum kleinen Finger hin geneigt, so dass sich die Finger in Richtung Handfläche bewegten, ohne die benachbarten Saiten zu berühren. Ein angelegter Anschlag war mit dieser Technik nicht möglich. Eine Ausnahme bildete der Daumen. Es war üblich, die Basssaiten in Richtung Decke anzuschlagen. Dabei konnte es leicht passieren, dass der Daumen auf die benachbarte Saite fiel - insbesondere, wenn einzelne Töne stark hervorgehoben wurden. Es überrascht daher nicht, dass die wohl älteste Beschreibung des angelegten Anschlags den Daumen betraf. Matteo Carcassi schrieb in seiner Méthode Complète (1836): "Der Daumen der rechten Hand, der die dicken Saiten anschlägt, muss immer auf die Saite neben der gerade gezupften Saite gleiten und darf nur angehoben werden, um eine andere Note zu zupfen, außer wenn die Saite, auf die er fällt, gleichzeitig oder unmittelbar danach von einem anderen Finger zum Schwingen gebracht wird. In diesem Fall muss der Daumen die Saite anschlagen, ohne eine andere zu berühren" (S. 8, Übers.). Es ist gut möglich, dass der angelegte Anschlag schon vor Carcassi praktiziert wurde und er lediglich eine entsprechende Regel formulierte.

D. Aguado: Nuevo Método para Guitarra, 1843, I, S. 54.
D. Aguado: Nuevo Método para Guitarra, 1843, I, S. 54.

Durch den Verzicht auf die Stützfingertechnik wurde auch das Anlegen der Finger möglich. Die früheste Beschreibung hierfür findet sich in Aguados Nuevo Método (1843). Aguado stellte darin eine Gleittechnik vor, mit der sich zwei Saiten gleichzeitig anschlagen ließen. Dabei wurden mit dem Daumen zwei Basssaiten und mit dem Zeigefinger zwei Diskantsaiten gleichzeitig angeschlagen. Im Gegensatz zum Daumen wurde der Zeigefinger nach der Gleitbewegung an die benachbarte dritte Saite angelegt. Aguado schrieb dazu: "Der Zeigefinger kann auch die erste und die zweite Saite anschlagen, wenn beide gleichzeitig erklingen sollen, z. B. in 3er-Intervallen (Buchstabe C). Wenn man mit den Fingernägeln spielt, muss man die erste Saite kräftig zupfen, so dass sie über die zweite Saite gleitet, damit diese erklingt, und dann auf der dritten Saite zur Ruhe kommt. Mit den Fingerkuppen ist es nicht so einfach, diesen Effekt zu erzielen" (I, S. 54, Übers.). Einen Grund, warum zwei Saiten mit einem Finger angeschlagen werden sollten, nannte er jedoch nicht. Tom Poore liefert in seinem Artikel Did Sor and Aguado Use Rest Stroke? (2004) eine plausible Erklärung. Der angelegte Anschlag diente dem Zweck, die beiden Töne gleichmäßig auszubalancieren.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der angelegte Anschlag bereits im frühen 19. Jahrhundert bekannt war, jedoch nicht als Alternative zum freien Anschlag, sondern nur in begrenztem Umfang für ganz bestimmte Zwecke verwendet wurde3.

4 Kuppenanschlag

Die fünfchörige Gitarre wurde im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Frankreich ähnlich wie die Laute mit den Fingerkuppen angeschlagen. Die Saitenpaare wurden eher angezupft als kräftig angeschlagen, wodurch ein zarter, ausgewogener und nuancenreicher Klang erzeugt wurde. Als die fünfchörige Gitarre gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch die fünf- und schließlich die sechssaitige Gitarre abgelöst wurde, wurde diese Anschlagstechnik auf das neue Instrument übertragen. In den französischen Gitarrenschulen wurde der Kuppenanschlag jedoch kaum erwähnt. Lediglich Barthélemy Trille Labarre beschrieb ihn in seiner Nouvelle Méthode (1797). Darin empfahl er, die Saiten ausschließlich mit den Fingerkuppen zu berühren, da die Töne sonst ihre ganze Weichheit verlieren würden: "Wir können dieses Prinzip nicht genug empfehlen, weil der ganze Vorzug des Instruments verloren geht, wenn man nur scharfe Töne hervorbringt, ganz gleich, wie viel Kraft man auch immer aufbringen mag" (S. 21, Übers.). Erst Mitte der 1820er Jahre wurde der Kuppenanschlag in Pariser Gitarrenschulen wieder thematisiert.

In den deutschsprachigen Gitarrenschulen war der Kuppenanschlag dagegen von Anfang an ein zentrales Thema. Heinrich Christian Bergmann empfahl ihn in seiner Kurze[n] Anweisung zum Guitarrspielen (1802), um einen reinen Ton auf dem Instrument zu erzielen: "Um einen unreinen Ton zu vermeiden, hüte man sich auf den Saiten blos mit den Nägeln zu spielen. [...] Die beste Spielart, woran man sich nicht frühzeitig genug gewöhnen kann, ist ohnstreitig die: daß man die Saiten, so leicht wie möglich, nur mit den Fingerspitzen berührt" (S. 25). Damit ging er auf eine zentrale Frage der Vortragslehre ein. Wie erzeugt man einen schönen Ton? Simon Molitor widmete dieser Frage in seiner Große[n] Sonate für Guitarre allein (1806) einen eigenen Abschnitt. Unter der Überschrift "Ton der Guitare" beschrieb er das Ziel, "einen sanften vollkommen runden Ton" zu erzeugen. Dies könne man nur durch einen gleichmäßigen Anschlag erreichen, indem man die Saiten "mit dem fleischigen Theile der Fingerspitzen" berühre. Das "Abschnellen der Töne mit den Nägeln" erzeuge dagegen einen unangenehmen "klirrenden" Ton (S. 22). Die von Bergmann und Molitor beschriebenen Vorzüge des Kuppenspiels wurden in zahlreichen deutschsprachigen Gitarrenschulen aufgegriffen. Ein Zitat aus Francesco Molinos Nouvelle Méthode (1813) bestätigt, dass es beim Anschlag damals um die Qualität des Tons und nicht um dessen Lautstärke ging: "Bei dem Anschlage der Saiten mit der rechten Hand muss auch diese die Saiten nur leicht rühren, wenn man aus dem Instrument einen guten Ton erhalten will" (S. 10).

Zu Beginn der Romantik wandte man sich jedoch zunehmend von dieser feinfühligen Spielweise ab. Die Gitarre war inzwischen ein professionelles Konzertinstrument geworden, das sich auf der Bühne gegen andere Instrumente behaupten musste. Man strebte daher nicht nur einen schönen, sondern auch einen vollen und kräftigen Ton an. So forderte Carl Blum in seiner Neue[n] vollständige[n] Guitarren-Schule (1818), den Ton "so angenehm rund und stark aus dem Instrument herauszuziehen als nur möglich" (I, S. 9). Da gegriffene Basstöne seiner Auffassung nach dumpf und undeutlich klangen, empfahl er entgegen der gängigen Praxis, diese mit dem Daumennagel anzuschlagen: "Dagegen lasse man den Nagel des Daumens an der rechten Hand sich etwas lang wachsen, beschneide ihn eckig ohne das aber eine Rauhigkeit sichtbar wird. Die Bassnoten insofern sie leere Saiten (Cordes à vides) betreffen, schlage man mit dem Fleisch der Daumenspitze an. Insofern hingegen die Bassnoten keine leeren Saiten berühren, sondern gegriffen werden müssen schlage man diese Töne mit dem Nagel des Daumens an" (I, S. 9f.). Carl von Gärtner ließ sich einen langen Daumennagel am linken Daumen wachsen, um damit auf dem Griffbrett zu spielen. Solche Praktiken blieben im deutschsprachigen Raum jedoch die Ausnahme4. Francesco Bathioli variierte in seiner Gemeinnützige[n] Guitareschule (1825) den Kuppenanschlag, um einen kräftigeren Ton zu erzeugen. Er setzte die Finger "etwas tief" zwischen die Saiten und schlug sie "etwas aufwärts" an (I/1, S. 27).

Auch in Paris war diese Entwicklung hin zu einem kräftigeren Kuppenanschlag zu beobachten. So hob Prosper Bigot in seinen Principes et Exercices pour la Guitare (1824) hervor, dass "man auch stark zupfen und gleichzeitig einen angenehmen Klang erzeugen" könne (S. 3 übers.). Ähnliche Aussagen finden sich auch in den Schulen von Carnaud, Aubéry du Boulley, Plouvier und Carcassi. Die intensivere Auseinandersetzung mit dem Kuppenanschlag hing vermutlich mit der Ankunft Dionisio Aguados zusammen, der den Nagelanschlag propagierte. Fast alle Pariser Gitarristen, darunter die Spanier Fernando Sor und José Jesus Perez, distanzierten sich davon.

In seiner Méthode pour la Guitare (1830) beschrieb Sor die nachteilige Wirkung der Nägel auf das Spiel: "Ich habe in meinem Leben noch nie einen Gitarristen gehört, dessen Spiel erträglich war, wenn er mit den Fingernägeln spielte; sie können der Qualität des Tons nur sehr wenige Nuancen verleihen; die Piani können niemals singend sein, noch die Forti ausreichend kraftvoll; ihr Spiel verhält sich zu meinem wie das Cembalo zum Hammerklavier: die Piani waren immer gezupft, und in den Forti hörte man mehr das Geräusch der Tasten auf der Tastatur als den Klang der Saiten" (S. 21, Übers.). Er war überzeugt, dass sich zarte Pianostellen mit dem Kuppenanschlag ausdrucksvoller gestalten ließen. Auch in kraftvollen Fortepassagen sei die Kuppe von Vorteil, da sie robuster als der dünne Nagel sei und unerwünschte Geräusche verhindere. Sor hielt den Kuppenanschlag also für ideal, um den Ton zu formen und eine breite Palette an Klangschattierungen zu erzeugen.

F. Sor: Méthode pour la Guitare, 1830, Pl. VII., Fig. 19.
F. Sor: Méthode pour la Guitare, 1830, Pl. VII., Fig. 19.

Um verschiedene Klangfarben zu erzeugen, nutzte Sor nicht nur die Register der Gitarre, sondern variierte auch den Kuppenanschlag. In der Regel schlug er die Saiten mit der Rundung seiner Fingerspitze etwa in der Mitte zwischen Schallloch und Steg an. Wenn er jedoch einen weicheren und länger anhaltenden Ton erzielen wollte, schlug er die Saiten in der Nähe des Schalllochs an. Dabei nutzte er "die Wölbung AB, die der innere Teil des äußeren Fingerglieds bildet (fig. 19), damit der Ton das Ergebnis einer Reibung und nicht eines Zupfens ist" (S. 19, Übers.). Dieses Verfahren erinnert an die alte Lautentechnik, bei der die Finger parallel zu den Saiten gehalten wurden und die Kontaktfläche zu den Saiten relativ groß war.

Für Perez waren Aguado und Sor gitarristische Vorbilder. In der Streitfrage Nagel- oder Kuppenanschlag stellte er sich jedoch auf die Seite Sors. Die Argumente, die er in seiner Método de Guitarra (1843) anführte, entnahm er dessen Gitarrenschule. Perez fokussierte sich jedoch stärker auf die romantisch-sentimentale Wirkung der Musik: "Der Ton, den der Fingernagel erzeugt, ist sehr schwach und klingt immer schrill, wenn man ihn stark anschlägt, während die Fingerkuppe mit einer etwas dickeren Saite mehr Energie und Klangfülle erzeugt und bis zum Äußersten der Süße gelangen kann, wenn man möchte" (S. 3, Übers.). Um sein Klangideal zu erreichen, veränderte er Sors Technik etwas: "Um die Saite ohne Fingernägel anzuschlagen, setzt man den Finger so auf, dass er sie mit der Fingerkuppe berührt, und zieht ihn dann mit etwas Kraft in schräger Richtung zur oberen Zarge und der Decke, so dass sich die Saite auf der Kuppe dreht, bevor sie zu schwingen beginnt. Der Daumen sollte in senkrechter Richtung zur Decke anschlagen, und alle Finger, die sich dieser Anschlagstechnik annähern, erzeugen einen volleren und besseren Ton" (ebd.)5.

5 Nagelanschlag

Als Dionisio Aguado in Paris den Nagelanschlag propagierte, konnte er sich auf eine lange iberische Tradition stützen, die bis in die Renaissance zurückreichte. Auf diese Tradition verwies Antonio Abreu in seiner Escuela para tocar con perfeccion la guitarra (1799), in der er die alten Meister für ihr Nagelspiel lobte, mit dem sie einen reinen, vollen und klaren Ton erzeugten. Er gab seinen Schülern auch Ratschläge zur Nagelpflege: "Diese werden, nachdem sie mit der Schere auf die erforderliche Länge gekürzt wurden, geschliffen und an den Seiten mit einer Feile oder einem weichen Schieferstück bearbeitet, so dass sie glatt und scharf sind, ohne die Unebenheiten, die nach dem Schneiden oft zurückbleiben, und so beim Spielen von Figuren und schnellen Läufen nicht behindern" (S. 40f., Übers.). Die Nägel sollten mittellang sein und eher rund als spitz. Auch sein Zeitgenosse Fernando Ferandiere sprach sich für den Nagelanschlag aus, wenngleich mit kurzen Nägeln. Federico Moretti hingegen riet aus klanglichen Gründen davon ab. Um 1800 gab es in Spanien also sowohl Nagel- als auch Kuppenspieler. Abreu sah die Kuppenspieler jedoch in der Minderheit.

Die Frage "Kuppen oder Nägel?" fand jedoch keine abschließende Antwort und beschäftigte die spanischen Gitarristen im gesamten frühen 19. Jahrhundert. So stellte J. M. G. y E. in seinen Rudimentos para tocar la guitarra (1819) die jeweiligen Vor- und Nachteile gegenüber und entschied sich für den Kuppenanschlag: "Denn obwohl mit den Fingernägeln eine stärkere Schwingung erzielt wird, ergibt das Anschlagen mit den Fingerkuppen einen süßeren Klang; außerdem vermeidet man so das unangenehme Reiben der Saiten und die Unannehmlichkeiten, die lange Fingernägel mit sich bringen" (S. 4, Übers.). Dionisio Aguado führte in seiner Colección de Estudios para Guitarra (1820) ähnliche Überlegungen aus, entschied sich jedoch für das Nagelspiel. Mit diesem werde ein vollerer und besserer Ton erzielt, sofern drei Bedingungen erfüllt sind: 1. Die Fingernägel dürfen weder zu weich noch zu hart sein. 2. Die Saiten müssen leicht diagonal mit gestreckten Fingern angeschlagen werden und vor dem Gleiten über den Nagel Kuppenkontakt haben. 3. Die Nägel dürfen weder zu lang noch zu kurz sein. Diese Überlegungen übernahm er unverändert in seine Escuela de Guitarra (1825) und präsentierte sie 1826 in Paris.

Mit Adolphe Ledhuy hatte Aguado zumindest einen bewundernden Schüler in Paris. In dessen Méthode de Guitare (1828) wird Aguados Technik nahezu wortgleich beschrieben: "Um mit den Fingernägeln zu zupfen, muss man 1. darauf achten, dass die Fingernägel nicht zu lang sind, da sie sonst nicht genug Kraft haben, 2. die Saiten etwas schräg mit der dem Daumen benachbarten Seite des Fingernagels zupfen, 3. die Saite mit der Fingerspitze streifen, bevor man sie mit dem Fingernagel anschlägt" (S. 1, Übers.). Die Mehrheit der Pariser Gitarristen kritisierte jedoch den Nagelanschlag. Der schärfste Kritiker war Fernando Sor. Er warf Aguado vor, an einer veralteten Technik aus der Zeit seines Lehrers Pater Basilio festzuhalten. Damals bestand der Gitarrenunterricht hauptsächlich darin, Skalen mit größtmöglicher Geschwindigkeit zu spielen. Die Nägel boten den Vorteil, dass man die Skalen schneller spielen konnte, da hierfür weniger Kraft erforderlich war. In seiner Méthode (1830) fand Sor dafür deutliche Worte: "Sein Lehrer spielte mit den Nägeln; er glänzte in einer Zeit, in der man von der Gitarre nichts als Fingerfertigkeit verlangte, in der man nur darauf abzielte, zu überraschen und zu blenden" (S. 22, Übers.). Für Sor war klar, dass sich ein Gitarrist bei der Wahl zwischen Geschwindigkeit und Musikalität für Letzteres entscheiden muss.

D. Aguado: Apéndice al Nuevo Método para Guitarra, 1849, Lam. 1., Fig. 2.
D. Aguado: Apéndice al Nuevo Método para Guitarra, 1849, Lam. 1., Fig. 2.

Die Kontroverse ließ Aguado nicht kalt. Zurück in Madrid schnitt er sich den Daumennagel ab, um die Basssaiten fortan mit der Kuppe anzuschlagen. So konnte er, wie er in Nuevo Método (1843) ausführt, "kräftige und angenehme Töne" erzeugen (I, S. 6, Übers.). An den Fingern behielt er die Nägel bei, die oval geformt waren und nur wenig über die Fingerspitzen hinausragten. Er war davon überzeugt, dass sich ein nuanciertes, ausdrucksvolles Gitarrenspiel nur mit dem Nagelanschlag erzielen ließe. Durch die Einbeziehung der Kuppen milderte er den scharfen Klang des Nagelanschlags. Das Ergebnis beschrieb er als "rein, metallisch und süß" (I, S. 7, Übers.). Um Effekte mit härterem Klang zu erzeugen, konnte er die Saiten aber auch ausschließlich mit den Nägeln anschlagen.

Im Apéndice (1849) nahm er einige Präzisierungen vor und empfahl, die Kraft beim Anschlag auf das jeweils letzte Glied der Finger zu konzentrieren. Dies galt auch für den Daumen: "Der Daumen darf beim Anschlagen der Saite diese nicht mit dem Weichen seiner Kuppe zupfen, sondern muss sie mit der Spitze erfassen, wobei er sein letztes Glied bereits gebeugt hat, so dass sich beim Loslassen nur dieses Glied bewegt" (S. 10, Übers.).

Aguados Versuch, den Nagelanschlag außerhalb Spaniens zu etablieren, scheiterte. In Paris und Europa blieb der Kuppenanschlag vorherrschend. Auf der iberischen Halbinsel wurde das Nagelspiel jedoch weiter gepflegt und Nagelspieler wie José María de Ciebra konnten mit ihrem brillanten Spiel in vielen europäischen Städten überzeugen6.

6 Registerspiel

Unabhängig von der Anschlagstechnik wurde die Hand im frühen 19. Jahrhundert zwischen Steg und Schallloch positioniert. Je nach gewünschter Klangfarbe konnte sie mal näher am Schallloch oder mal näher am Steg platziert werden. Bereits im 18. Jahrhundert war man sich dieser Möglichkeit bewusst. So stellte der Spanier Fernando Ferandiere in Arte de Tocar la Guitarra Española (1799) fest, dass sich ein "süßer und angenehmer Ton" nur nahe dem Schallloch erzeugen ließ, während nahe am Steg Akkorde im Rasgueado-Stil gespielt werden konnten (S. 4, Übers.).

Im deutschsprachigen Raum befasste sich Heinrich Christian Bergmann als Erster systematisch mit dem Thema Registerspiel. In seiner Kurze[n] Anweisung zum Guitarrspielen (1802) definierte er das mittlere Klangregister als Standardposition. Von dort aus konnte das Register gewechselt werden, wenn der Charakter eines Musikstücks es verlangte: "So wie jedes Tonstück seinen eigenen Karakter hat, so muß auch der Spieler dahin sehen, daß er denselben nicht verfehlt. Dies könnte aber sehr leicht geschehen, wenn ein Tonstück von sanften Karakter, nahe an dem Saitenhalter gespielt würde; oder, wenn man ein anderes von lebhaften Karakter, am Griffbrete spielen würde" (S. 25). Auf diese Weise entstanden drei Register mit unterschiedlichen Klangeigenschaften: nahe am Steg, nahe am Schallloch und nahe am Griffbrett. Das mittlere Register war der Ort, an dem der Ton am angenehmsten war und an dem sich Stücke mit mittlerem Tempo am besten umsetzen ließen. In der Nähe des Stegs war der Klang scharf und obertonreich. Dieses Register eignete sich besonders für schnelle und lebhafte Stücke. In der Nähe des Griffbretts war der Klang weich und obertonarm. Es eignete sich insbesondere für langsame und ruhige Stücke.

J. F. Scheidler entwickelte das Registerspiel in seiner Nouvelle Methode (1806) weiter, indem er es auf dynamische Änderungen innerhalb eines Stücks anwandte: "Will man sehr stark spielen, so setzt man die rechte Hand beim Spielen dem Stege etwas näher, will man aber piano oder dolce vortragen, so wird die rechte Hand mehr nach dem Griffbrette zu gesetzt" (S. 3). Damit trug er dem Umstand Rechnung, dass der Affektgehalt eines Musikstücks vielschichtig sein konnte und nicht nur das Stück als Ganzes, sondern auch einzelne musikalische Gedanken stärker oder schwächer, lebhafter oder sanfter vorgetragen werden konnten. Anton Gräffer warnte allerdings in seiner Guitarre-Schule (1811) vor einem zu häufigen Gebrauch des Registerwechsels, da sich die Wirkung sonst abnutzen würde. Dies dürfte der allgemeinen Praxis entsprochen haben, das Register nur aus einem berechtigten musikalischen Grund zu wechseln. Ein solcher Grund war beispielsweise die Vortragsbezeichnung dolce.

M. Giuliani: Otto Variazioni, op. 6, Wien 1807.
M. Giuliani: Otto Variazioni, op. 6, Wien 1807.

Johann Jakob Stählin löste die starre Korrelation zwischen Klangfarbe und Dynamik schließlich auf. In seiner Anleitung zum Guitarrespiel (1811) argumentierte er, dass Forte, Piano, Crescendo und Decrescendo allein durch einen stärkeren oder schwächeren Anschlag zu erreichen seien. Eine Änderung der Handposition sei dafür nicht erforderlich: "Es ist daher nicht nötig, dass man blos in der Absicht um Piano zu spielen, mit der Hand über das Schalloch hinaufrücke, und im Gegensatz bey Forte die Hand näher an den Saitenhalter zurückziehe. In jeder dieser Lagen lassen sich alle obgenannten Schattirungen hervorbringen" (S. 9). Für Stählin waren Dynamik und Klangfarbe zwei voneinander unabhängige musikalische Parameter. Während es bei der Dynamik um die Differenzierung der Tonstärke ging, wurde die Klangfarbe verändert, um "eine Verschiedenheit in die Gattung oder den Gehalt des Tones zu bringen" (ebd.). Hier zeigen sich bereits Züge der musikalischen Romantik, in der die Klangfarbe als eigenständiges Gestaltungsmittel entdeckt wurde. Ein frühes Beispiel für einen Registerwechsel, der unabhängig von der dynamischen Differenzierung erfolgt, sind die 1807 erschienenen Otto Variazioni op. 6 von Mauro Giuliani. Dort werden in den ersten vier Takten der vierten Variation die Saiten nahe am Steg angeschlagen, um den Klang der Hörner zu imitieren. Gleichzeitig erfährt die Dynamik eine Steigerung vom Pianissimo zum Fortissimo. Erst ab Takt fünf korrelieren Klangfarbe und Dynamik miteinander. Das Pianissimo wird nun über dem 15. Bund gezupft, während sich die Hand zu ihrem Ausgangspunkt zurückbewegt und die Dynamik gesteigert wird. Stählin wies darauf hin, dass die Register unterschiedliche Anforderungen an die Anschlagshand stellen. Zum Hals hin laufen die Saiten enger zusammen und bieten den Anschlagsfingern einen geringeren Widerstand. In Richtung Steg laufen sie weiter auseinander und sind dort am schwersten in Bewegung zu bringen. Die Anschlagshand muss sich also flexibel an die veränderten Bedingungen anpassen.

In Paris etablierte Ferdinando Carulli das Registerspiel. In seiner Méthode Complette (1810) empfahl er, die Hand in der Mitte zwischen Steg und Rosette zu platzieren und von dort aus die Position zu wechseln: "Diese Hand hat keine feste Position, denn wenn man die Töne mildern und die Harfe imitieren möchte, muss man sie näher an die Rosette heranführen, und wenn man FORTE spielen möchte, muss man sie näher an den Steg heranführen" (S. 4, Übers.). Ungewöhnlich ist hier die unterschiedliche Nutzung der Register. Carulli nutzte das Register am Griffbrett zur Imitation der Harfe und das Register nahe dem Steg aus dynamischen Gründen. In Paris fand diese Art des Registerspiels jedoch keinen Anklang. Während einige Gitarristen wie Henry, Molino und Meissonnier das Registerspiel ausschließlich zur Imitation der Harfe nutzten, kam es bei anderen wie Aubert, Joly, Mathieu, Gatayes und Carcassi nur aus dynamischen Gründen zum Einsatz.

Neue Impulse für das Registerspiel kamen von Dionisio Aguado und Fernando Sor. Aguado hob in seiner Escuela de Guitarra (1825) nicht nur die Korrelation zwischen Dynamik und Klangfarbe auf, sondern erlaubte auch einen fließenden Übergang zwischen den Registern. Der Gitarrist müsse "die verschiedenen Klangunterschiede untersuchen, die die angeschlagene Saite, auf die gleiche Weise und mit der gleichen Kraft, an verschiedenen Stellen vom Ende des Griffbretts bis nahe dem Steg erzeugt" (II, S. 101, Übers.). Dadurch verlor der Begriff des Registers seine fest umrissene Bedeutung. Im Sinne der Romantik machte Aguado das Registerspiel zum Mittel des individuellen Gefühlsausdrucks. Seine in der Méthode Complète (1826) vorgestellten Ideen stießen in Paris jedoch auf wenig Resonanz.

Sors Überlegungen in der Méthode pour la Guitare (1830) gingen hingegen in die entgegengesetzte Richtung. Anstatt die Grenzen zwischen den Registern zu verwischen, gab er ihnen scharfe Umrisse und definierte sie exakt. Den zehnten Teil der Saitenlänge vom Steg aus legte er als Standardposition fest. Dort erhielt er einen klaren, relativ lang anhaltenden Ton, der nicht zu kraftvoll war. Den achten Teil der Saitenlänge bestimmte er als Register am Griffbrett. Dort erhielt er einen weicheren, länger anhaltenden Ton, den er anders als üblich mit der Fingerbeere statt mit der Fingerspitze erzeugte. Nahe am Steg hingegen erhielt er einen stärkeren Klang - zumindest, wenn er beim Anschlagen mehr Kraft aufwendete. Die Korrelation zwischen Dynamik und Klangfarbe blieb hier erhalten. Sors Schüler Napoléon Coste ergänzte in seiner Neuausgabe der Méthode (1851), dass die Saite nicht nur im achten, sondern auch im vierten Teil ihrer Länge angeschlagen werden kann.

Aguado ließ sich anscheinend von Sors präziser Herangehensweise inspirieren. Zurück in Madrid legte er in seinem Hauptwerk Nuevo Método (1843) die Standardposition der Hand mit einem Abstand von etwa sechs Fingerbreiten zum Steg fest. Anschließend teilte er den Bereich zwischen Steg und Schallloch in Abschnitte von jeweils zwei Fingern Breite ein. So erhielt er etwa sechs Register mit unterschiedlichen Klangfarben. Im Apéndice (1849) verfeinerte er dieses System. Dort legte er die Standardposition mit vier oder fünf Fingern Abstand zum Steg fest. Anschließend teilte er den Bereich zwischen Steg und Schallloch sowie einen Teil des Griffbretts in Abschnitte von jeweils einem Fingerbreit ein. Damit kehrte Aguado trotz der präzisen Angaben zu seinem ursprünglichen Konzept aus der Escuela zurück. Die Abstufungen der einzelnen Register waren nun so fein, dass eine klare Abgrenzung nicht mehr möglich war. Er beschrieb lediglich einen grob umrissenen Bereich zwischen Griffbrett und Steg, in dem sich feinste Klangnuancen erzeugen ließen7.


Anhang

1 Anmerkungen

1 Der freie Anschlag mit Stützfinger wird in den folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts beschrieben: (frz.:) Trille Labarre 1797, S. 20-22; Phillis 1799, S. 2; Doisy 1801, S. 12; Carulli 1810, S. 5; Aubert 1813, S. 2; Lintant 1813, S. 3; Meissonnier 1818, S. 4; Henry 1823, S. 3; Molino 1823, S. 19; Meissonnier 1823, S. 8; Bigot 1824, S. 3; Mathieu 1825, S. 7; Marescot 1825 I, S. 10; Gatayes 1825, S. 5; Carnaud 1826, S. 3; Henry 1826, S. 3; Varlet 1827, S. 3; Aubéry du Boulley 1828, S. 5; Meissonnier 1828, S. 8; Carcassi 1836a, S. 7f.; Aubéry du Boulley 1842, S. 5; Coste 1851, S. 3; (dt.:) Bergmann 1802, S. 25-27; N. N. 1802, S. 7f.; Stählin 1811, S. 6f.; Lehmann 1812, S. 9; Molino 1813, S. 9f.; Blum 1818 I, S. 9f.; Harder 1819, S. 41-43; Kníže 1820, S. 13f.; Schacky 1824, S. IV; Bathioli 1825 I/1, S. 27f.; (ital.:) Legnani 1847, S. 4; (engl.:) Nüske 1832, S. 1; Hamilton 1834, S. 2; Kirkman 1842, S. 5; Sagrini 1848, S. 5.

2 Der freie Anschlag ohne Stützfinger wird in den folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts beschrieben: (span.:) J. M. G. y E. 1819, S. 4; Aguado 1820, S. 3f.; Aguado 1825 I, S. 3f.; Aguado 1843 I, S. 6.11f.; Perez 1843, S. 2f.; Aguado 1849, S. 10; (frz.:) Aguado 1826, S. 4; Ledhuy 1828, S. 1; Sor 1830, S. 18; Plouvier 1836, S. 5f.; Perez 1843, S. 2f.; Coste 1851, S. 4; (dt.:) Sor 1831, S. 13f.; (engl.:) Sor 1832, S. 14f.; Aguado 1837, S. 3.

3 In seinem 1982 erschienenen Artikel Die Geschichte des Apoyando stellte Matanya Ophee die These auf, dass nicht Francisco Tárrega, sondern Fernando Sor und Dionisio Aguado die Erfinder der Apoyando-Technik gewesen seien. Die Beweise, die er für diese Behauptung anführte, sind jedoch mehr als dürftig. Tom Poore hat in seinem Artikel Did Sor and Aguado Use Rest Stroke? (2004) die Unzulänglichkeit von Ophees Beweisführung aufgezeigt. Tárrega wies darauf hin, dass Julián Arcas den Apoyando-Anschlag vor ihm in raschen Leiterpassagen anwandte. Er selbst habe diese Technik standardisiert (vgl. Wilgalis 1991, S. 19). Der Ursprung der Apoyando-Technik ist also hier zu suchen. Sor und Aguado trugen zu ihrer Entwicklung bei, indem sie die Saiten mit gestreckten Fingern anschlugen. Der von ihnen praktizierte freie Anschlag ohne Stützfinger stellt eine Vorstufe des Apoyando-Anschlags dar.

4 Am 26. November 1826 fand im Saal des Wiener Musikvereins ein äußerst kurioser Auftritt statt. Ein gewisser Herr Beilner spielte eine Reihe von Variationen auf der Gitarre. Dabei waren seine Finger durch Bleche aus Zinn verlängert. Das Klappern auf den Saiten klang den Konzertberichten zufolge alles andere als musikalisch und schien die Zuhörer zu irritieren. Mehrere verzogen das Gesicht zu einer Grimasse, viele verließen den Raum so schnell wie möglich. Immerhin schaffte es der Gitarrist mit diesem Auftritt in die renommierten Musikzeitschriften Allgemeine musikalische Zeitung und The Harmonicon (vgl. AMZ 29/1827, Sp. 26; H 53/1827, S. 93).

5 Empfehlungen und Beschreibungen des Kuppenanschlags finden sich in den folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts: (frz.:) Trille Labarre 1797, S. 21; Bigot 1824, S. 3; Carnaud 1826, S. 3; Aubéry du Boulley 1828, S. 5; Sor 1830, S. 21f.; Plouvier 1836, S. 6; Carcassi 1836a, S. 8; Aubéry du Boulley 1842, S. 5; Coste 1851, S. 3; (dt.:) Bergmann 1802, S. 25; N. N. 1802, S. 8; Bortolazzi 1831, S. 6; Molitor 1806, S. 22; Stählin 1811, S. 6; Gräffer 1811 I, S. 9; Lehmann 1812, S. 9; Molino 1813, S. 10; Blum 1818 I, S. 9; Harder 1819, S. 41; Bornhardt 1819, S. 5; Kníže 1820, S. 13; Schacky 1824, S. IV; Bathioli 1825 I/1, S. 27; Seegner 1828, S. 6; Sor 1831, S. 16f.; Reichardt 1839, S. 4; (span.:) Moretti 1799 II, S. 2; J. M. G. y E. 1819, S. 4; Perez 1843, S. 3; (engl.:) Nüske 1832, S. 1; Sor 1832, S. 17; Sagrini 1848, S. 5.

6 Empfehlungen und Beschreibungen des Nagelanschlags finden sich in den folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts: (span.:) Abreu 1799, S. 40f.; Ferandiere 1799, S. 6; Aguado 1820, S. 4; Aguado 1825 I, S. 3f.; Aguado 1843 I, S. 6f.; Aguado 1849, S. 10; (frz.:) Aguado 1826, S. 4; Ledhuy 1828, S. 1.

7 Auf das Registerspiel gehen folgende Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts näher ein: (dt.:) Bergmann 1802, S. 25; N. N. 1802, S. 7; Scheidler 1806, S. 3; N. N. 1806, S. 3; Stählin 1811, S. 9; Gräffer 1811 I, S. 10; Blum 1818 I, S. 10; Harder 1819, S. 39; Bornhardt 1819, S. 2; Stählin 1820, S. 4; Carulli 1823, S. 3; Sor 1831, S. 14; Carulli 1831, S. 7; Häuser 1833, S. 6; Reichardt 1839, S. 4; (frz.:) Carulli 1810, S. 4; Aubert 1813, S. 2; Joly 1819, S. 6; Henry 1823, S. 4; Molino 1823, S. 16; Meissonnier 1823, S. 8; Carulli 1825, S. 6; Mathieu 1825, S. 7; Gatayes 1825, S. 5; Henry 1826, S. 4; Meissonnier 1828, S. 7; Sor 1830, S. 19; Carcassi 1836a, S. 7; Parrini 1841, S. 5; Coste 1851, S. 14; (span.:) Aguado 1820, S. 3; Aguado 1825 II, S. 101; Aguado 1826, S. 133; Aguado 1843 I, S. 52; Aguado 1849, S. 10; (engl.:) Sor 1832, S. 13; Hamilton 1834, S. 2; Kirkman 1842, S. 29.

2 Literaturverzeichnis

2.1 Forschungsliteratur

Ophee, Matanya: Die Geschichte des Apoyando. In: Gitarre & Laute 4 (1982), Heft 6, S. 354-365.

Wilgalis, Ralf: Apoyando oder Tirando? In: Gitarre & Laute 13 (1991), Heft 6, S. 19-22.

2.2 Internetquellen

Poore, Tom (2004): Did Sor and Aguado Use Rest Stroke? A closer look at Matanya Ophee’s 1982 Guitar Review article: "The History of Apoyando"

URL: https://www.pooretom.com/didsorandaguadou.html [16.11.2025]

V: 17.03.2022

LA: 02.05.2026

Autor: Dirk Spönemann