Dämpftechniken

In den französischen Gitarrenschulen des späten 18. Jahrhunderts wurden Dämpftechniken nicht explizit behandelt. Der Grund hierfür lag im Instrument selbst. Der Klang der fünfchörigen oder fünfsaitigen Gitarre war nur von kurzer Dauer. Ein Dämpfen der Töne hätte einen kontraproduktiven Effekt gehabt. In der Regel ließen Gitarristen daher harmonierende Töne weiterklingen, um einen volleren Klang zu erzielen. Ein gezieltes Dämpfen der Bass- oder Melodiestimme war bei der damaligen Gitarrennotation ohnehin kaum möglich. Wie bei der Violine wurde nur eine einzige Stimme notiert, die an wenigen Stellen pausierte. Diese Pausen dienten in erster Linie der syntaktischen Strukturierung des Stücks. Sie fanden sich nach Einzelnoten, Intervallen sowie nach drei- bis fünfstimmigen Akkorden. Daher ist davon auszugehen, dass an diesen Stellen eine Finger- oder Handflächendämpfung zum Einsatz kam1.

J. B. Phillis: Nouvelle Méthode pour la Lyre ou Guitarre à Six Cordes, 1799, S. 14.
J. B. Phillis: Nouvelle Méthode pour la Lyre ou Guitarre à Six Cordes, 1799, S. 14.

Mit der Weiterentwicklung der Gitarrennotation differenzierte sich auch die Dämpftechnik zunehmend aus. In den Gitarrenschulen von Pierre Joseph Baillon, Barthélemy Trille Labarre und Jean-Baptiste Phillis wurden Ober- und Unterstimmen bereits separat notiert und die genauen Noten- und Pausenwerte in den Stimmen angegeben. Dadurch wurde erkennbar, dass Gitarristen bei gebrochenen Intervallen und Akkordzerlegungen die Finger der rechten Hand gleichzeitig aufsetzten. Während der Daumen die erste Bassnote anschlug, dämpften die Finger die Diskantsaiten. Die verbesserte Notation machte polyphone Strukturen sichtbar und ermöglichte eine gezielte Dämpfung der Bassstimme mit dem Daumen und der Diskantstimme mit den Fingern der rechten Hand.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Pausieren und Unterbrechen des Klangs dann erstmals Thema einer Gitarrenschule. In seinen Principes Généraux de la Guitare (1801) ging François Doisy ausführlich auf die Bedeutung von Ruhepausen für die Phrasierung und die syntaktische Strukturierung von Gitarrenstücken ein. Allerdings ließ er den spieltechnischen Aspekt außer Acht. Er empfahl lediglich, "die Ausführung nach allen Pausen so weit wie möglich [zu] unterbrechen" (S. 57, Übers.). Mit Pausen waren hier mehr oder weniger ausgeprägte Generalpausen gemeint.

1 Dämpfung mit der rechten Hand

Das Dämpfen wurde erst mit der Entstehung des begleiteten Melodiespiels und dem damit verbundenen Anstieg des Gitarrenspielniveaus als Technik entdeckt. Entsprechend behandelten Autoren es zunächst in Gitarrenlehrwerken für Fortgeschrittene. Anfangs wurden nur die gängigen Techniken der rechten Hand vorgestellt. Im Verlauf des frühen 19. Jahrhunderts experimentierte man jedoch mit neuen Formen des Dämpfens. Dadurch erweiterten sich die Anwendungsbereiche. Das Dämpfen konnte nun zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden: um Pausen zu markieren, als Artikulationstechnik oder als Klangeffekt.

1.1 Daumen- und Fingerdämpfung

Die gebräuchlichste Form des Dämpfens bestand darin, den Daumen oder die Finger der rechten Hand nach dem Anschlag wieder auf die Saiten zu setzen. Dabei dämpfte der Daumen die Basssaiten und die übrigen Finger die Diskantsaiten. So konnten auf der fünfsaitigen Gitarre alle angeschlagenen Saiten gleichzeitig zum Verstummen gebracht werden. Bei der sechssaitigen Gitarre war dies schon schwieriger, wenn man die harmonischen Möglichkeiten des Instruments voll ausschöpfen wollte. Mit der Entwicklung des begleiteten Melodiespiels entstand zudem der Bedarf, einzelne Stimmen gezielt zu dämpfen, um eine differenzierte Kontrolle über diese zu erreichen. Zu diesem Zweck wurde in den 1800er Jahren eine präzisere Gitarrennotation mit genauen Noten- und Pausenwerten für die jeweiligen Stimmen entwickelt. Entsprechend wurden die Dämpftechniken angepasst.

A. Harder: Guitarre-Schule, 1819, S. 76.
A. Harder: Guitarre-Schule, 1819, S. 76.

Um seinen Schülern die neuen spieltechnischen Anforderungen zu vermitteln, stellte August Harder in seiner 1813 verfassten Guitarre-Schule alle erforderlichen Dämpftechniken vor. Dabei unterschied er die Fingerdämpfung, mit der sich einzelne Saiten dämpfen ließen, von der gröberen Handflächendämpfung: "Soll der Ton aber aufhören, so lege man den Finger schnell an die Saite an, und der Ton wird sogleich verschwinden. Bei Accorden legt man lieber die ganze Hand auf die Saiten, wodurch der Nachhall sogleich gedämpft ist" (S. 43). Er sah einen Vorteil der Fingerdämpfung darin, dass der Spieler durch den fein abstimmbaren Druck der Finger die Kontrolle über die Lautstärke und den Klangcharakter behielt. Auf diese Weise konnte er die Artikulation beeinflussen und die Töne sanft abstoßen: "Sollen die Noten einen kurzen, aber etwas hervorstechenden Druck erhalten, so bewirkt man diess durch einen schnellen und kurzen Anschlag, bei welchem die Hand eine etwas hüpfende Bewegung annimmt" (ebd.).

Die Daumendämpfung thematisierte Harder gesondert im Zusammenhang mit dem Arpeggienspiel. Dabei war es allgemeine Praxis, die Saiten so lange fortklingen zu lassen, bis sie erneut angeschlagen wurden oder ein Akkordwechsel erfolgte. Die neue Gitarrennotation erlaubte es jedoch, Pausen in der Bassstimme zu setzen. Harder legte in solchen Fällen Wert darauf, die in den Noten angegebenen musikalischen Werte exakt auszuführen. Grundsätzlich sollte man "die erste Note mit dem Daumen, womit man sie angeschlagen hat, dämpfen, so bald die Zeit ihrer Dauer vorüber ist" (S. 76). Eine derart differenzierte Darstellung der technischen und musikalischen Aspekte des Dämpfens war damals allerdings die Ausnahme. Der Fokus zeitgenössischer Gitarrenschulen lag auf Artikulations- und Klangeffekten, die mittels Dämpftechniken erzielt werden konnten.

M. Giuliani: Studio per la Chitarra, 2. Aufl., 1812, S. 30.
M. Giuliani: Studio per la Chitarra, 2. Aufl., 1812, S. 30.

Im deutschsprachigen Raum entdeckte man die Fingerdämpfung als Mittel, um Töne abgestoßen vorzutragen. Dadurch erweiterte sich das Spektrum der Artikulationstechniken für die Gitarre. In französischen Gitarrenschulen wurden zuvor lediglich zwei Techniken vermittelt: das Binden (lier) und das Trennen (détacher) von Noten. Dabei erfolgte das Trennen der Noten durch den Wechselschlag, der diese jedoch nicht deutlich voneinander absetzte, sondern sie lediglich ungebunden ließ. Das Detachieren war somit eine Non-Legato-Technik. Erst der Einsatz der Fingerdämpfung ermöglichte ein echtes Stakkatospiel.

Zu den Ersten, die das Dämpfen oder Abstoßen der Töne als eigenständige Artikulationstechnik vorstellten, gehörten Anton Gräffer und Mauro Giuliani in Wien sowie August Harder in Leipzig. Während Harder abgestoßene Töne mit Stakkatopunkten über oder unter den Noten kennzeichnete, führte Giuliani in seiner Schule eine neue Notationsweise ein. Er halbierte den Wert der zu dämpfenden Noten und ergänzte sie durch gleichwertige Pausenzeichen. So war auf den ersten Blick erkennbar, wie sie zu spielen waren. Sie sollten durch ein kurzes, stakkatoartiges Anschlagen ausgeführt werden, wobei die Finger kurz nach dem Anschlag wieder auf die Saiten gesetzt wurden, um den Klang zu unterbrechen.

Giulianis Studio per la Chitarra (1812) setzte im deutschsprachigen Raum Maßstäbe. Seine Anhänger übernahmen Technik und Notation. Während Francesco Bathioli das Dämpfen in seiner Gemeinnützige[n] Guitareschule (1825) weiterhin als Artikulationstechnik vorstellte, ordnete es Ferdinand Pelzer in seinen Instructions for the Spanish Guitar (1835) den romantischen Ausdrucksmitteln wie dem Glissato zu. Er vertrat bereits die französische Auffassung, nach der "Etouffée" einen Klangeffekt bezeichnete.

J.-B. Bédard: Nouvelle Méthode de Lyre ou Guitare, 1807, S. 8.
J.-B. Bédard: Nouvelle Méthode de Lyre ou Guitare, 1807, S. 8.

Die Entdeckung der Sons étouffés für das Gitarrenspiel geht vermutlich auf den Pariser Gitarristen Jean-Baptiste Bédard zurück. Er kannte diesen Klangeffekt vom Harfenspiel und übertrug ihn auf die Gitarre. In seiner Nouvelle Méthode de Lyre ou Guitare (1807) empfahl er die gedämpften Töne für Akkordfolgen in leisen Passagen: "Gedämpfte Töne, ähnlich denen der Harfe, die sich gut für Pianissimo-Passagen eignen: Zupfen Sie die vier Saiten an und setzen Sie sofort dieselben Finger der rechten Hand wieder auf, um die Schwingung zu unterbrechen" (S. 8, Übers.). Da Bédard die Sons étouffés direkt im Anschluss an Verzierungen wie Sons harmoniques und Triller vorstellte, ist davon auszugehen, dass er ihnen eine ornamentale Rolle zuschrieb. Im Notentext markierte er sie mit kleinen senkrechten Strichen über und unter den Noten.

In der Romantik entwickelten sich die Sons étouffés zu einer eigenständigen Klangfarbe, die für atmosphärische Effekte, Kontraste und emotionale Nuancen genutzt wurde. Dies entsprach dem allgemeinen romantischen Bestreben, den instrumentalen Ausdruck zu erweitern. Den Anfang machte D. Joly. In seinem 1819 erschienenen Werk L'Art de Jouer de la Guitare beschrieb er die Technik zunächst wie Bédard, bezog aber auch die Handflächendämpfung mit ein: "Wenn der Akkord 5 oder 6 Noten hat, dämpft man ihn mit der Hand, die man flach auf alle Saiten legt" (S. 58, Übers.). In zwei Übungsstücken, einem Bolero und einer Romanze, demonstrierte er dann, wie die Sons étouffés zusammen mit anderen Effekten als Ausdrucksmittel eines nuancierten Gitarrenspiels eingesetzt werden konnten. Die Notation entsprach der von Giuliani bekannten Notationsweise und wurde um die Vortragsanweisung étouf. ergänzt. Einige der wichtigsten romantischen Gitarristen - darunter Dionisio Aguado, Adolphe Ledhuy, Pierre Joseph Désiré Plouvier und Matteo Carcassi - stellten die Sons étouffés in ihren Schulen zusammen mit anderen Klangeffekten und Verzierungen vor2.

1.2 Handflächendämpfung

Die Handflächendämpfung wurde als Ergänzung zur Fingerdämpfung verwendet. Sie kam zum Einsatz, wenn vier Finger zur Dämpfung der Saiten nicht mehr ausreichten, also bei fünf- oder sechsstimmigen Akkorden. Dabei legte man die flache Hand in der Nähe des Schalllochs auf alle Saiten. Die Einsatzbereiche von Finger- und Handflächendämpfung waren identisch. Beide dienten dazu, Pausen zu markieren, die Artikulation zu verändern oder einen Klangeffekt zu erzeugen.

Bereits in seiner Anleitung zum Guitarrespiel (1811) wies Johann Jakob Stählin auf die Handflächendämpfung hin. Er versah eine Notenpause in Mauro Giulianis Rondo op. 3, Nr. 2 mit folgendem Kommentar: "B. will man verhüten dass zum Beyspiel vor einem Halt oder an einer sonst beliebigen Stelle der lezte Accord nicht nachhalle, so bedeckt man die Saiten mit der flachen Hand die gewöhnliche Bezeichnung dafür ist étouffé" (S. 48). Stählin lebte unweit der französischen Grenze innerhalb des Rheinbundes und verwendete daher den französischen Begriff étouffé. Im deutschsprachigen Raum bezeichnete man diese Technik aber gewöhnlich als "Dämpfung". In Wien setzten Anton Gräffer und Francesco Bathioli die Handflächendämpfung ein, um Akkorde stakkatoartig vorzutragen. In Paris nutzten D. Joly, Pierre Joseph Désiré Plouvier und Matteo Carcassi die Technik, um Sons étouffés mit fünf- oder sechsstimmigen Akkorden zu erzeugen3.

1.3 Handkantendämpfung

S. Gil: Principos de Música aplicados á la Guitarra, 2. ed., 1827, Lam. 13, Fig.3
S. Gil: Principos de Música aplicados á la Guitarra, 2. ed., 1827, Lam. 13, Fig.3

In seiner Escuela de Guitarra (1825) stellte Dionisio Aguado eine Alternative zur Handflächendämpfung vor. Um alle Saiten gleichzeitig zu dämpfen, legte er die Kante seiner rechten Hand in der Nähe des Stegs auf. Auf diese Weise verklangen die Schwingungen mit einem gedämpften Ton, statt abrupt zu enden. Aguado schrieb dazu: "Die Schwingungen können auch verhindert werden, indem man den äußeren Rand der Handfläche der rechten Hand auf alle legt, wodurch ein dunkler Klang entsteht" (II, S. 47, Übers.). Er verstand die sonidos apagados in Analogie zu den sons étouffés als Klangeffekte.

Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass er diese Technik nicht nur dazu nutzte, um Akkordklänge zu unterbrechen, sondern sie auch während des Zupfens anwandte, um einzelnen Tönen oder Intervallen eine dunklere Klangfarbe zu verleihen. So hatte es jedenfalls Salvador Gil verstanden, der Aguados Dämpftechnik in der zweiten Auflage seiner Principos de Música aplicados á la Guitarra (1827) übernahm: "Die Dämpfung erfolgt durch Niederhalten der Saiten mit der Unterkante der rechten Hand neben dem Steg" (S. 18, Übers.). Das angeführte Notenbeispiel zeigt, dass die Töne während des Zupfens gedämpft werden mussten4.

2 Dämpfung mit der linken Hand

Im Unterschied zu den meisten anderen europäischen Gitarristen dämpften Dionisio Aguado und Fernando Sor die Saiten mit den Fingern der linken Hand. Es ist anzunehmen, dass ihre Technik auf einer langen spanischen Tradition beruht, die aus dem Rasgueado-Spiel hervorging. Das Dämpfen mit den Greiffingern ließ sich im Kontext von Akkorden nämlich schnell und intuitiv umsetzen.

2.1 Fingerdämpfung

Zu Beginn seiner Karriere als Gitarrist verwendete Aguado ausschließlich die linke Hand zum Dämpfen. In seinem Frühwerk Coleccion de Estudios para Guitarra (1820) schrieb er: "Daraus lässt sich leicht schließen, dass es, wenn man einen Ton abdämpfen möchte, genügt, den Finger der Linken, der dabei hilft, ihn zu erzeugen, anzuheben" (I, S. 4, Übers.).

D. Aguado: Méthode Complète pour la Guitare, 1826, S. 78.
D. Aguado: Méthode Complète pour la Guitare, 1826, S. 78.

In der Escuela de Guitarra (1825) berücksichtigte er auch das Dämpfen leerer Saiten. Hierzu genügte es, einen freien Finger leicht auf die betreffende Saite zu legen. Aguado gab auch an, wann er die sonidos apagados als Klangeffekt einsetzte. Er setzte sie bevorzugt vor oder nach gehaltenen Tönen ein, um eine Kontrastwirkung zu erzielen. Den Effekt markierte er mit Punkten über oder unter den jeweiligen Noten. In seinem Hauptwerk Nuevo Método para Guitarra (1843) wählte er schließlich kleine, spitze Dreiecke als Zeichen.

Darin ging er auch auf einen weiteren Aspekt der Dämpftechnik ein, der bis dahin in keiner Gitarrenschule behandelt worden war: das Ausblenden unerwünschter Dissonanzen. Zwar wurde in manchen Gitarrenschulen darauf hingewiesen, dass Sekunden und Septimen dissonante Intervalle waren, die aufgelöst werden mussten. Doch daraus zogen die Autoren keine spieltechnischen Konsequenzen. Allgemein galt, dass das dissonante Intervall nach der Auflösung nicht weiterklingen durfte, sondern gedämpft werden musste. Aguado forderte daher, Sekundschritte auf benachbarten Saiten grundsätzlich immer zu dämpfen: "Nachdem das D der C-Tonleiter aus dem folgenden Beispiel gespielt wurde, hebt man den 4. Finger an, damit beim Erklingen des E auf der unteren Saite die Schwingungen des D bereits beendet sind, das mit dem E ein dissonantes Sekundenintervall bildet, welches im Allgemeinen unangenehm für das Gehör ist" (II, S. 20, Übers.)5.

2.2 Dämpfung am Bundstab

Wie Aguado dämpfte auch Fernando Sor die Saiten ausschließlich mit der linken Hand. Allerdings nutzte er zwei unterschiedliche Techniken, die verschiedenen Zwecken dienten. Die erste entsprach der von Aguado praktizierten Fingerdämpfung. Dabei hob Sor die Greiffinger nicht an, sondern lockerte den Daumen der Greifhand, so dass sich der Druck der Finger auf die Saite verringerte. In seiner Méthode pour la Guitare (1830) beschreibt er diese Technik wie folgt: "[...] ich höre lediglich auf, den Hals mit der linken Hand zu drücken, ohne die Saite loszulassen, sobald die Note angeschlagen wurde; ich übertrage diese Aufgabe nicht einmal der ganzen Hand, der Daumen allein erfüllt diesen Zweck durch eine kleine, fast unmerkliche Anstrengung" (S. 23, Übers.). Die so gedämpften Töne bezeichnete er nicht als Sons étouffés, sondern als Sons secs, als "trockene Töne", da sie keinen dumpfen, gedeckten Klang hatten, sondern nach dem Erklingen abrupt verstummten. Im Grunde handelte es sich um eine Aneinanderreihung von Stakkatotönen.

Sor wollte jedoch, anders als die Pariser Gitarristen, echte Sons étouffés erzeugen, also Töne mit einem matten, weichen und flüchtigen Klang. Um diese zu erzeugen, musste er eine spezielle Technik anwenden. Dazu drückte er vor dem Anschlag die Saite mit dem Greiffinger leicht auf den Bundstab der entsprechenden Note. Dadurch verlor die Saite ihren klar definierten Auflagepunkt. Anstelle eines scharfen Randes entstand ein diffuser Schwingungsknoten. So war es möglich, den Ton bereits während seiner Entstehung zu dämpfen und nicht erst im Nachklang. Sor beschrieb die Bundstabdämpfung wie folgt: "[...] ich habe die Finger der linken Hand so platziert, dass sie die Saite auf dem Bundstab greifen, der die Note bestimmt, wobei ich sie weniger stark als gewöhnlich drücke, aber nicht so leicht, dass sie einen harmonischen Ton erzeugen könnte. Diese Art des Dämpfens erfordert große Genauigkeit bei den Abständen, erzeugt jedoch echte gedämpfte Töne" (ebd.).

3 Dämpfung mit beiden Händen

Als Aguado im Jahr 1826 nach Paris zog, befand er sich mit seiner Dämpftechnik noch in einer Randposition. Im Gegensatz zu Sor, der ebenfalls in Paris lebte, passte er sich jedoch schnell an seine neue Umgebung an. So bezog er nicht nur die rechte Hand in seine Dämpftechnik mit ein, sondern ließ sie auch mit der linken Hand bei der Erzeugung gedämpfter Töne zusammenarbeiten. Ein erstes Ergebnis seiner Lehrtätigkeit in Paris ist die Beschreibung der Sons étouffés durch seinen Schüler Adolphe Ledhuy. In seiner Méthode de Guitare (1828) schreibt dieser: "Wenn man die Note gezupft hat, lässt man sie eine 16tel lang schwingen und bringt sie dann mit dem Finger, mit dem man sie gezupft hat, oder mit dem Finger der linken Hand oder mit beiden Fingern gleichzeitig zum Verstummen" (S. 14, Übers.).

D. Aguado: Nuevo Método para Guitarra, 1843 II/1, S. 51.
D. Aguado: Nuevo Método para Guitarra, 1843 II/1, S. 51.

Die nach Aguados Rückkehr aus Paris verfasste Nuevo Método (1843) bestätigt diese Neuausrichtung. Darin bezog Aguado die Anschlagsfinger deutlich häufiger beim Dämpfen mit ein. So waren diese nun für die Erzeugung von Stille in den Pausen verantwortlich, sei es in einer oder in mehreren Stimmen. Auch die Erzeugung von Sons étouffés konnte durch das Aufsetzen der Anschlagsfinger erfolgen. In einem Abschnitt über die gedämpften Töne gab Aguado eine Übersicht über all seine Dämpftechniken: "Um den Ton einer gegriffenen Saite zu unterbrechen, genügt es, ihre Schwingungen zu unterbinden. Dies lässt sich überprüfen, indem man den Finger, der sie greift, anhebt (nächstes Beispiel, Buchstabe a), indem man ihn nach dem Anschlagen einer leeren Saite wieder auflegt (Buchstabe b), indem man denselben Finger der Rechten, der sie angeschlagen hat, auf die Saite setzt, auch wenn der Finger der Linken auf der Saite bleibt (Buchstaben c und d), und indem man diese zwei Bewegungen mit beiden Fingern kombiniert (Buchstabe e). Auf diese letzte Weise entstehen Punkte, die wie abgeschnitten wirken, ein Ausdruck, den ich verwende, um sie von den gedämpften zu unterscheiden" (II/1, S. 51). Die Formulierung des letzten Satzes macht deutlich, dass er beide Hände nur dann einsetzte, wenn er einen markanten Stakkato- oder Stakkatissimo-Effekt erzielen wollte. Im Apéndice (1849) markierte er die entsprechenden Stellen mit zwei spitzen Dreiecken. Eine Dämpfung mit der linken Hand allein erwähnte er darin nicht6.


Anhang

Anmerkungen

1 Übungsstücke mit Pausenzeichen finden sich in folgenden Gitarrenschulen des späten 18. Jahrhunderts: (frz.:) Don *** 1758, S. 28; Merchi 1761, S. 9; B. D. C. 1773, S. 37; Baillon 1780, S. 5; Vidal 1787, S. 16; Alberti 1786, S. 14f.; Lemoine 1788, S. 11; Gatayes 1790, S. 5f.; Trille Labarre 1797, S. 35.40f.; Phillis 1799, S. 14.

2 Die Daumen- und Fingerdämpfung der rechten Hand wird in folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts behandelt: (frz.:) Bédard 1807, S. 9; Joly 1819, S. 58f.68; Ledhuy 1828, S. 14; Plouvier 1836, S. 25; Carcassi 1836a, S. 45; (dt.:) Giuliani 1812, S. 30; Harder 1819, S. 43.76; Bathioli 1825 I/1, S. 20.28; Carcassi 1836c, S. 45; (span.:) Aguado 1825 I, S. 5; Aguado 1826, S. 6; Oliva y Guarro 1830, S. 139; Aguado 1843 II/1, S. 30.35.51; II/2, S. 59; Aguado 1849, S. 15; (engl.:) Pelzer 1835, S. 51.

3 Die Handflächendämpfung der rechten Hand wird in folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts behandelt: (dt.:) Stählin 1811, S. 48; Gräffer 1811 I, S. 27.46; Harder 1819, S. 43; Bathioli 1825 I/1, S. 41f.; Carcassi 1836c, S. 45; (frz.:) Joly 1819, S. 58; Carcassi 1836a, S. 45; Plouvier 1836, S. 25.

4 Die Handkantendämpfung der rechten Hand wird in folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts behandelt: (span.:) Aguado 1825 II, S. 47; Aguado 1826, S. 78; Gil 1827, S. 18.

5 Die Fingerdämpfung der linken Hand wird in folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts behandelt: (span.:) Aguado 1820, S. 4; Aguado 1825 I, S. 5; II, S. 47; Aguado 1826, S. 6.78; Aguado 1843 II/1, S. 51; II/2, S. 20; (frz.:) Ledhuy 1828, S. 14; Sor 1830, S. 23; (dt.:) Sor 1831, S. 18; (engl.:) Sor 1832, S. 17f.

6 Die Dämpfung mit beiden Händen wird in folgenden Gitarrenschulen des frühen 19. Jahrhunderts behandelt: (span.:) Aguado 1843 II/1, S. 35.51; Aguado 1849, S. 15.

V: 04.12.2021

LA: 02.05.2026

Autor: Dirk Spönemann