Agogik

1 Tempogestaltung am Ende des 18. Jahrhunderts

Von einem guten musikalischen Vortrag verlangte man im 18. Jahrhundert nicht nur, wie bereits erwähnt, Deutlichkeit, sondern auch Ausdruck. Ein wesentliches Mittel, um ein Musikstück ausdrucksvoll zu gestalten, war die Veränderung des Tempos. Dies mag auf den ersten Blick überraschen, da das Tempo in der Musik des 18. Jahrhunderts an Takt und Metrum gebunden war. Die Umsetzung von Takt und Metrum wurde jedoch nicht als gleichförmiger, mechanischer Vorgang verstanden.

Schon Johann Joachim Quantz forderte in seinem Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen (1752), dass ein guter Vortrag ausdrucksvoll sein und jeder in einem Musikstück vorkommenden Leidenschaft entsprechen müsse. Deshalb war es für Quantz widersinnig und unmöglich, ein ganzes Stück "nach dem Pulsschlag" zu messen (S. 261). Noch deutlicher lehnte C. P. E. Bach in seinem Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen (1753) jede Art von Mechanik in der Musik ab: "Es gehört hiezu eine Freyheit, die alles sclavische und maschinenmäßige ausschliesset. Aus der Seele muß man spielen, und nicht wie ein abgerichteter Vogel" (S. 119). Wenn man ausdrucksvoll spielen wolle, müsse man, besonders in Fermaten und Kadenzen, vom Grundtempo eines Stückes abweichen, wobei man als Solist ohne oder mit schwacher Begleitung auch "der ganzen Bewegung zuweilen einige Gewalt" antun dürfe. Sobald man aber mit starker Begleitung spiele, könne "man bloß in seiner Stimme allein wider die Eintheilung des Tackts eine Aenderung vornehmen ..., indem die Hauptbewegung desselben genau gehalten werden muß" (S. 120). Die variable Tempogestaltung konnte sich also auf die musikalische Bewegung eines ganzen Stückes beziehen oder nur auf die Melodiestimme, die sich von der streng im Takt bleibenden Begleitstimme abhob1. Daniel Gottlob Türk bezeichnete diese Formen der variablen Tempogestaltung als Eilen und Zögern und als Tempo rubato.

1.1 Das Eilen und Zögern

Türk beschreibt in seiner Klavierschule (1789) ausführlich, an welchen Stellen Temponuancen als Ausdrucksmittel eingesetzt werden können:

1. Beschleunigung des Tempos: "In Tonstücken, deren Charakter Heftigkeit, Zorn, Muth, Raserey u. dgl. ist, kann man die stärksten Stellen etwas beschleunigt (accelerando) vortragen. Auch einzelne Gedanken, welche verstärkt (gemeinglich höher) wiederholt werden, erfordern gewissermaßen, daß man sie auch in Ansehung der Geschwindigkeit zunehmen lasse. Wenn zuweilen sanfte Empfindungen durch eine lebhafte Stelle unterbrochen werden, so kann man die Letztere etwas eilend spielen. Auch bey einem Gedanken, durch welchen unerwartet ein heftiger Affekt erregt werden soll, findet das Eilen statt" (S. 371).

2. Verlangsamung des Tempos: "Bey außerordentlich zärtlichen, schmachtenden, traurigen Stellen, worin die Empfindung gleichsam auf Einen Punkt zusammen gedrängt ist, kann die Wirkung durch ein zunehmendes Zögern (Anhalten, tardando) ungemein verstärkt werden. Auch bey den Tönen vor gewissen Fermaten nimmt man die Bewegung nach und nach ein wenig langsamer, gleich als würden die Kräfte allmählich erschöpft. Die Stellen, welche gegen das Ende eines Tonstücks (oder Theiles) mit diminuendo, diluendo, smorzando u. dgl. bezeichnet sind, können ebenfalls ein wenig verweilend gespielt werden" (ebd.). "Eine zärtlich rührende Stelle zwischen zwey lebhaften, feurigen Gedanken, ... kann etwas zögernd ausgeführt werden; nur nimmt man in diesem Falle die Bewegung nicht nach und nach, sondern sogleich ein wenig (aber nur ein wenig) langsamer" (S. 372).

D. G. Türk: Klavierschule, 1789. S. 372.
D. G. Türk: Klavierschule, 1789. S. 372.

Weitere Stellen, die etwas verlangsamt ausgeführt werden können, zeigt Türk anhand eines Notenbeispiels auf: "Zu den Stellen, welche nicht streng nach dem Takte, sondern etwas verweilend vorgetragen werden könnten, gehören, außer den durch kleine Nötchen angezeigten oder Senza tempo &c. überschriebenen Verzierungen und Uebergängen, auch ähnliche Einleitungen in Hauptsätze a), wenn gleich der Komponist die gewöhnliche Schreibart beibehalten hat. Eben so kann ein matter Gedanke bey der Wiederholung verweilend gespielt werden b)" (S. 372).

In der Praxis scheint das Eilen und Zögern als Ausdrucksmittel nicht immer so maßvoll eingesetzt worden zu sein, wie Türk es fordert. Zumindest gab es kurz nach der Jahrhundertwende eine öffentliche Diskussion darüber, ob und inwieweit das musikalische Tempo frei gestaltet werden dürfe2.

1.2 Das Tempo rubato

Während C. P. E. Bach sich beim Tempo rubato gewisse Freiheiten erlaubte, band Türk es fest an Takt und Metrum. In seiner Klavierschule (1789) stellt er zwei Formen des Tempo rubato vor.

1.2.1 als synkopische Verschiebung der Melodiestimme

Die erste Variante des Tempo rubato betraf nur die Melodiestimme, die sich durch die Verlängerung oder Verkürzung einzelner Notenwerte mit anschließendem Ausgleich von der streng im Takt spielenden Begleitstimme abhob. Die so zunächst "gestohlene" Zeit (ital. rubare) wurde später wieder zurückgegeben. Türk erklärt:

D. G. Türk: Klavierschule, 1789. S. 374.
D. G. Türk: Klavierschule, 1789. S. 374.

"Gemeiniglich versteht man darunter eine Art von Verkürzung und Verlängerung der Noten, oder ein Verrücken (Versetzen) derselben. Es wird nämlich Einer Note etwas von ihrer Dauer entzogen, (gestohlen,) und dafür einer Andern so viel mehr gegeben, wie in den nachstehenden Beyspielen b) und c). Bey a) sind die simpeln Noten, bey b) ist das Tempo rubato durch eine Vorausnahme (anticipatio) und bey c) durch eine Verzögerung (retardatio) angebracht. Man sieht hieraus, daß durch diesen Vortrag das Zeitmaß oder vielmehr der Takt im Ganzen nicht verrücket wird. Folglich ist der gewöhnliche, aber etwas zweydeutige deutsche Ausdruck: verrücktes Zeitmaß, nicht passend; denn die Grundstimme geht ihren Gang taktmäßig (unverrückt) weiter, nur die Noten der Melodie werden gleichsam aus der ihnen zukommenden Stelle verschoben. Daher wäre vielleicht der Ausdruck: das Versetzen (oder Verziehen) der Noten oder Taktglieder sc. richtiger" (S. 374f.). In Türks Variante des Tempo rubato änderte sich das Tempo nicht. Es wurde weder beschleunigt noch verlangsamt. Vielmehr wurde die Melodiestimme gegenüber der Bassstimme synkopisch verschoben. Sie bewegte sich weiterhin im Takt. Für diese Verschiebung einer Stimme gegenüber der anderen ohne Veränderung des Tempos bevorzugte Türk den Begriff "Tonverziehen" (S. 375).

1.2.2 als Umkehrung der metrischen Gewichtsverhältnisse

D. G. Türk: Klavierschule, 1789. S. 375.
D. G. Türk: Klavierschule, 1789. S. 375.

Die zweite Variante des Tempo rubato betraf die metrische Akzentuierung. Die Gewichtsverhältnisse innerhalb der einzelnen Takte wurden umgekehrt. Das heißt, das Taktgewicht wurde von den guten zu den schlechten Noten verschoben. Türk führt dazu aus: "Außer der angezeigten Bedeutung des Tempo rubato versteht man unter diesem Ausdrucke zuweilen auch nur eine besondere Art des Vortrages, wenn nämlich der Accent, welcher den guten Noten zukommt, auf die schlechten verlegt wird, oder mit andern Worten: wenn man die Töne auf dem schlechten Takttheile sc. stärker vorträgt, als diejenigen, welche in die gute Zeit des Taktes (oder einer Note) fallen, wie in diesen Beispielen" (S. 375).

1.2.3 als zeitlich versetzte Wiederholung eines Themas

Allgemeine musikalische Zeitung 10/1808, Sp. 516.
Allgemeine musikalische Zeitung 10/1808, Sp. 516.

Heinrich Christoph Koch kritisierte in seinem Aufsatz Ueber den technischen Ausdruck: Tempo rubato (1808) das Rubato-Konzept der Berliner Schule um J. J. Quantz, C. P. E. Bach und Franz Benda. Er hielt die Vortragsweise, bei der der Spieler bewusst von der Bewegung des Zeitmaßes abweicht und die melodischen Tonfolgen ohne jede Zeiteinteilung vorträgt, während die Begleitung streng im Zeitmaß weiterspielt, für "veraltet" (AMZ 10/1808, Sp. 518). Die eigentliche Funktion des Tempo rubato sah er in der Verschiebung des Taktgewichts. Im Gegensatz zu Türk kannte er neben der Umkehrung der metrischen Gewichtsverhältnisse noch zwei weitere Methoden der Taktgewichtsverschiebung.

Die zweite Methode bestand in der zeitversetzten Wiederholung eines musikalischen Themas in verschiedenen Stimmen. Dieses Kompositionsprinzip wurde vor allem in der Fuge angewandt: "... wenn man einen melodischen Satz dergestalt nachahmt, dass ihn die nachahmende Stimme in dem entgegengesetzten Takttheile oder Taktgliede vorträgt" (Sp. 516).

1.2.4 als Verschiebung des Taktgewichts durch Mischung von Taktarten

Allgemeine musikalische Zeitung 10/1808, Sp. 517.
Allgemeine musikalische Zeitung 10/1808, Sp. 517.

Bei der dritten Methode wurde das Taktgewicht verschoben, indem eine Melodie in einen Takt gesetzt wurde, dessen Betonungsmuster nicht zu den metrischen Akzenten der Melodie passte: "... wenn ein melodischer Theil, welcher der Beschaffenheit seiner grammatischen Accente zu Folge in die gerade Taktart gehört, wie z. B. der Satz bey a, in einer ungeraden Taktart, wie bey b, gebraucht wird, oder umgekehrt, wenn man einen melodischen Theil, der eigentlich der ungeraden Taktart eigen ist, wie der Satz bey c, in einer geraden Taktart anwendet, wie bey d. In diesem Falle entstehet die unmittelbare Folge der Verrückung des Taktgewichts aus der Vermischung der geraden und ungeraden Taktart" (Sp. 517).

2 Tempogestaltung in der Musik der Romantik

In der Frühromantik löste sich das Tempo zunehmend von Takt und Metrum. Die Tempogestaltung wurde freier, individueller und flexibler. Das von Heinrich Christoph Koch als "veraltet" abgewertete melodische Rubato der Berliner Schule erfuhr in der Romantik eine deutliche Aufwertung. Dies war nicht zuletzt dem Einfluss Wolfgang Amadeus Mozarts zu verdanken, der das Tempo rubato ausgiebig als expressives Gestaltungsmittel einsetzte. In einem Brief an seinen Vater vom 24.10.1777 heißt es: "Daß ich immer accurat im tact bleybe. über das verwundern sie sich alle. Das tempo rubato in einem Adagio, daß die lincke hand nichts darum weiß, können sie gar nicht begreifen. bey ihnen giebt die lincke hand nach" (Schiedermair 1914, S. 96).

Das Tempo rubato wurde einerseits im Solospiel als Kontrast zur Orchesterbegleitung verwendet. Louis Spohr führt dazu in seiner Violinschule (1832) aus: "Die Eintheilung der Taktglieder nach ihrem Zeitwerth, muss beym Orchesterspiel die allerstrengste seyn, weil sonst kein genaues Zusammentreffen der Spieler möglich wäre. Alles Verweilen auf einzelnen oder mehreren Tönen, (das Tempo rubato,) welches beym Solospiel oft von so grosser Wirkung ist, darf also hier nicht statt finden" (S. 248). Spohr erlaubte dem Orchester nur, kleineren Temponuancen des Solisten zu folgen, während er dem Solisten beim Rubato-Spiel weitaus größere Freiheiten einräumte: "Der Begleitende hüte sich, den Solospieler im Tempo weder zu treiben, noch zurückzuhalten, doch folge er ihm sogleich, wenn dieser sich kleine Abweichungen vom Zeitmaass erlauben sollte. Hierunter ist jedoch das Tempo rubato des Solospielers nicht verstanden, bey welchem die Begleitung ihren ruhigen, abgemessenen Gang fortgehen muss" (S. 249).

Das Tempo rubato konnte aber auch von einem Solisten verwendet werden, der sich selbst zur Melodie begleitete. Diese Form des Rubato wurde besonders von dem Pianisten Frédéric Chopin gepflegt. Er spielte die Melodie leicht verzögert oder den Takt vorwegnehmend, während die Begleitung der linken Hand im Takt weiterspielte. In der posthum erschienenen Brief- und Tagebuchsammlung Aus Moscheles' Leben (1873) beschreibt Ignaz Moscheles Chopins Rubato-Spiel: "Er spielte mir auf meine Bitten vor, und jetzt erst verstehe ich seine Musik, erkläre mir auch die Schwärmerei der Damenwelt. Sein ad libitum-Spielen, das bei den Interpreten seiner Musik in Tactlosigkeit ausartet, ist bei ihm nur die liebenswürdigste Originalität des Vortrags; die dilettantisch harten Modulationen, über die ich nicht hinwegkomme, wenn ich seine Sachen spiele, choquiren mich nicht mehr, weil er mit seinen zarten Fingern elfenartig leicht darüber hingleitet; sein Piano ist so hingehaucht, daß er keines kräftigen Forte bedarf, um die gewünschten Contraste hervorzubringen; so vermisst man nicht die orchesterartigen Effecte, welche die deutsche Schule von einem Clavierspieler verlangt, sondern lässt sich hinreissen, wie von einem Sänger, der wenig bekümmert um die Begleitung ganz seinem Gefühl folgt; genug, er ist ein Unicum in der Clavierspielerwelt" (S. 39).

Am Übergang von der Frühromantik zur Hochromantik vollzog sich ein Wandel in der Tempogestaltung. War bis dahin das Tempo rubato vorherrschend, so traten nun Accelerando und Rallentando als Gestaltungsmittel in den Vordergrund. Der Opernsänger Manuel Garcia konstatiert diesen Wandel in seiner Schule Die Kunst des Gesanges (1847): "Die Compositionen von Haydn, Mozart, Cimarosa, Rossini u. a. verlangen in Hinsicht der rhythmischen Bewegung eine vollkommene Genauigkeit und jede den Geltungen gegebene Veränderung darf nur, ohne die Bewegung des Taktes zu verändern, aus der Anwendung des tempo rubato hervorgehen" (S. 36). "Die Musik von Donizetti und besonders die von Bellini enthält eine grosse Anzahl von Passagen, welche, ohne mit rallentando oder accelerando bezeichnet zu sein, doch deren Anwendung vertragen" (S. 37 Anm.). Sänger und begleitendes Orchester mussten beide Techniken der Tempogestaltung beherrschen: "Um die Wirkung des tempo rubato bei dem Gesange hervortreten zu lassen muss das Zeitmaas der Begleitung mit Bestimmtheit festgehalten werden. (...) Die accelerando und rallentando erfordern, dass die Begleitung und der Gesang miteinander übereinstimmend die Bewegung verzögern oder beeilen; das tempo rubato dagegen gestattet diese Freiheit nur dem Sänger allein" (S. 38).

C. Czerny: Vollständige theoretisch-practische Pianoforte-Schule Bd. 3, 1839. S. 25.
C. Czerny: Vollständige theoretisch-practische Pianoforte-Schule Bd. 3, 1839. S. 25.

Garcias Darstellung wird durch Aussagen in Carl Czernys Pianoforte-Schule (1839) bestätigt. Dort wird die allmähliche Veränderung des Tempos durch Rallentando und Accelerando als das "beinahe wichtigste Mittel des Vortrags" bezeichnet (III, S. 24). Czerny forderte vom Interpreten eine ausdrucksvolle Gliederung des Vortrags unter Berücksichtigung von Takt und Tempo durch feine Temponuancen innerhalb der musikalischen Phrasen: "Nun muss zwar allerdings jedes Tonstück in dem, vom Autor vorgeschriebenen und vom Spieler gleich Anfangs festgesetzten Tempo, so wie auch überhaupt streng im Takte und in niemalsschwankender Bewegung bis an's Ende vorgetragen werden. Aber diesem unbeschadet, kommen sehr oft, fast in jeder Zeile, einzelne Noten oder Stellen vor, wo ein kleines, oft kaum bemerkbares Zurückhalten oder Beschleunigen nothwendig ist, um den Vortrag zu verschönern und das Interesse zu vermehren" (ebd.). Nach Czerny genügte eine kleine, allmähliche Änderung des Tempos um ein Fünftel oder Sechstel, so dass das vorgeschriebene Zeitmaß kaum verändert wurde. Um willkürlichem Missbrauch vorzubeugen, stellte Czerny Regeln auf, an welchen Stellen das Tempo verlangsamt werden sollte.

"Das Ritardando wird in der Regel weit häufiger als das Accelerando angewendet, weil es den Charakter eines Satzes weniger entstellen kann, als das zu öftere Beschleunigen des Zeitmasses. Am schicklichsten wird retardirt:

  1. In jenen Stellen, welche die Rückkehr in das Hauptthema bilden.
  2. In jenen Noten, welche zu einem einzelnen Theilchen eines Gesangs führen.
  3. Bei jenen gehaltenen Noten, welche mit besonderem Nachdruck angeschlagen werden müssen und nach welchen kurze Noten folgen.
  4. Bei dem Übergang in ein anderes Zeitmass, oder in einen, vom Vorigen ganz verschiedenen Satz.
  5. Unmittelbar vor einer Haltung.
  6. Beim Diminuendo einer früher sehr lebhaften Stelle, so wie bei brillanten Passagen, wenn plötzlich ein piano und delicat vorzutragender Lauf eintritt.
  7. Bei Verzierungen, welche aus sehr vielen geschwinden Noten bestehen, die man nicht in das rechte Zeitmass hineinzwängen könnte.
  8. Bisweilen auch in dem starken crescendo einer besonders markirten Stelle, die zu einem bedeutenden Satze oder zum Schluss führt.
  9. Bei sehr launigen, capriziösen, und fantastischen Sätzen, um deren Charakter desto mehr zu heben.
  10. Endlich fast stets da, wo der Tonsetzer ein espressivo gesetzt hat; so wie
  11. Das Ende eines jeden langen Trillers, welcher eine Haltung und Cadenz bildet, und diminuendo ist, wie auch jede sanfte Cadenz überhaupt" (S. 25f.).

Angesichts dieser Entwicklung ist es nicht verwunderlich, dass der Begriff Tempo rubato zunehmend für die allgemeine Beschleunigung oder Verlangsamung des Tempos verwendet wurde. Schon Johann Nepomuk Hummel beklagte sich in seiner Anweisung zum Piano-Forte-Spiel (1828) über "ein, bis zum Langweilen, jeden Augenblick angebrachtes willkührliches Dehnen (tempo rubato)" beim Klavierspiel (S. 417). Damit meinte er allerdings ein langes, ausgedehntes Ritardando.

3 Tempogestaltung in klassischer und romantischer Gitarrenmusik

In der klassischen Epoche wurden Aspekte der musikalischen Tempogestaltung in den Gitarrenschulen nicht behandelt. Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurden nicht einmal die Vortragsbezeichnungen für Tempoänderungen angegeben. Erst zu Beginn des zweiten Jahrzehnts finden sich in den deutschsprachigen Gitarrenschulen von Anton Gräffer, August Harder und Francesco Molino italienische Bezeichnungen für Tempoänderungen. Zur Erinnerung: Gräffer und Harder waren die ersten, die romantisches Gedankengut in ihre Schulen aufnahmen und ein lyrisch-expressives Gitarrenspiel zum Ideal erhoben. Nicht von ungefähr lobte Gräffer das Gitarrenspiel Mauro Giulianis wegen seiner Sanglichkeit. Giuliani hatte bereits in seinen 1807 erschienenen Six Variations op. 2 Temponuancen als Ausdrucksmittel eingesetzt.

Mit Beginn der Frühromantik finden sich auch in einigen französischen, italienischen und spanischen Gitarrenschulen Bezeichnungen für Tempoänderungen. Genannt werden: Rallentando (rall.), Ritardando (rit.), Slargandosi, a Tempo, selten Accelerando und Stringendo. Die Autoren gingen davon aus, dass die Komponisten die Stellen markierten, an denen das Tempo verlangsamt oder beschleunigt werden sollte. Es scheint üblich gewesen zu sein, mehr zu ritandieren als zu accelerieren. In der Schule von D. Joly L'Art de Jouer de la Guitare (1819) wird die Temponuancierung zum ersten Mal ausdrücklich mit dem expressiven Gitarrenspiel in Verbindung gebracht. Im Abschnitt De l'expression stellt Joly anhand eines Musikbeispiels zahlreiche Ausdrucksmittel für das Gitarrenspiel vor, darunter auch das Ritardando.

D. Aguado: Escuela de Guitarra, 1825. Parte Segunda, S. 57.
D. Aguado: Escuela de Guitarra, 1825. Parte Segunda, S. 57.

Dionisio Aguado erklärt in seiner Escuela de Guitarra (1825), ein Ritardando zu spielen ist: "Wenn man alleine spielt, erlaubt der Ausdruck in bestimmten kurzen Passagen eine leichte Änderung des Taktes, was normalerweise durch eine Verzögerung geschieht; in diesem Fall scheint es, als würde man ihn für einen Moment auslassen, um ihm danach mit der gleichen Genauigkeit wie zuvor zu folgen" (II, S. 102, Übers.). Als Notenbeispiel führt er die Übung 11 auf Seite 57 im zweiten Teil der Schule an, dort die Takte 4 und 14. Mit seiner Formulierung bestätigt Aguado die Beobachtung, dass in der Frühromantik das Tempo bei agogischen Abstufungen überwiegend verlangsamt wurde. In seinem Hauptwerk Nuevo Método para Guitarra (1843) korrigiert er jedoch die betreffende Passage und nennt Accelerando und Ritardando als gleichberechtigte Formen der Tempogestaltung.

Auch wenn die Ritardandi in Aguados Beispiel nicht markiert waren, ging man allgemein davon aus, dass man sich als Interpret bei der Tempogestaltung an die Vortragsanweisungen des Komponisten zu halten habe. Darauf deutet die Formulierung von Mrs. Joseph Kirkman hin, die in ihrer Improved Method for the Guitar (1842) fordert, "to pay the utmost attention to the nice degrees of acceleration or retardation which are marked" (S. 29). Die großen Gitarristen hatten natürlich ihren eigenen Stil. Aber auch hier galt ein übermäßiger Gebrauch von Ritardando und Accelerando als affektiert und wurde von der Kritik abgelehnt. So kritisierte Ignaz Lewinsky, Mitarbeiter der Allgemeinen Wiener Musik-Zeitung, am 1. April 1843 ein Konzert von Johann Kaspar Mertz im Wiener Musikvereinssaal, weil dieser zu oft das Tempo rubato verwendet habe: "Er besitzt eine große Geläufigkeit nebst schönem Vortrag, und nur ein zu häufiges Tempo rubato und ein übermäßiges Ausschmücken seiner Themen mit Beigaben aller Art wäre ihm zum Vorwurfe zu machen" (AWMZ 3/1843, S. 162). Es versteht sich von selbst, dass der Begriff Tempo rubato hier in seiner neuen Bedeutung verwendet wurde.


Anhang

1 Anmerkungen

1 Die zweite Form der Tempogestaltung, das Vorauseilen oder Zurückbleiben der Melodiestimme gegenüber dem Takt, wurde zunächst in der Vokalkunst entwickelt und später auf die Instrumentalmusik übertragen. So schrieb der Kastrat Pier Francesco Tosi in der deutschen Übersetzung seiner Anleitung zur Singkunst (1757): "Wer im Singen nicht die Noten zu verziehen (rubare il Tempo) weis, der kann ganz gewiß weder componiren, noch sich accompagniren; und bleibt des besten Geschmacks und der schönsten Einsicht beraubet" (S. 219f.). Und Leopold Mozart bemerkte aus der Sicht des begleitenden Musikers in seiner Violinschule (1756): "Allein wenn man einem wahren Virtuosen ... accompagniret; dann muß man sich durch das Verziehen, oder Vorausnehmen der Noten, welches er alles sehr geschickt und rührend anzubringen weiß, weder zum Zaudern noch zum Eilen verleiten lassen, sondern allemal in gleicher Art der der Bewegung fortspielen" (S. 263).

2 Mit dem Erscheinen der ersten Musikzeitschriften um 1800 wurde die Frage, ob und inwieweit Abweichungen vom Takt erlaubt sein sollten, lebhaft diskutiert. So plädierte Friedrich Guthmann in seinem Aufsatz Ueber Abweichung vom Takte, der am 26. Februar 1805 in Allgemeinen musikalischen Zeitung erschien, dafür, die musikalische Bewegung weder unter das Joch der Regel zu zwingen noch ihr zügellose Freiheit zu lassen, sondern einen Mittelweg zu beschreiten: "Im Ganzen genommen muss die Bewegung sich immer gleich bleiben, wenn sie gleich in einzelnen Stellen abweicht" (AMZ 7/1805, Sp. 349). Ein Rezensent der Streichquartette von Florian Gassmann stellte in der Ausgabe vom 6. April 1808 fest, dass dieses Ideal nicht erreicht worden sei, und beklagte die Willkür und Maßlosigkeit in der Tempogestaltung: "Nun ist aber bekannt, dass der grösste Theil derjenigen Tonkünstler, die sich insbesondere dem Vortrage der Solostimmen widmen, schon seit geraumer Zeit angefangen hat, mit dem Zeitmaasse sehr willkührlich zu verfahren, und dass man immer geneigter wird, das Joch des Taktes abzuschütteln" (AMZ 10/1808, Sp. 438). Im Eilen und Zögern des Solisten sah er nur ein Mittel, die eigene Taktunsicherheit zu verbergen. Gottfried Wilhelm Fink hingegen warnte in seinem Aufsatz Ueber Takt, Taktarten und ihr Charakteristisches (1809) vor Pedanterie bei der Tempogestaltung: "Es würde höchst pedantisch seyn, wenn es jemand wagen wollte, dem Spieler diese Freyheit, die, mit Geschmack angebracht, einen herrlichen, hohen Geist in die simpelsten Gedanken legen kann, … rauben wollte" (AMZ 11/1809, Sp. 229f.).

2 Literaturverzeichnis

Bach, Carl Philipp Emanuel: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen mit Exempeln und achtzehn Probe-Stücken in sechs Sonaten erläutert. Berlin: Christian Friedrich Henning, 1753.

Czerny, Carl: Vollständige theoretisch-practische Pianoforte-Schule von dem ersten Anfange bis zur höchsten Ausbildung fortschreitend, und mit allen nöthigen, zu diesem Zwecke eigends componirten zahlreichen Beispielen. In 4 Theilen. Op. 500. Wien: A. Diabelli u. Comp., [1839].

Garcia, Manuel: Garcias Schule oder Die Kunst des Gesanges in allen ihren Theilen vollständig abgehandelt. Der deutsche Text von Wilhelm Mangold. Zweiter Theil. Mainz: B. Schott's Söhne, [1847].

Hummel, J[ohann] [Nepomuk]: Ausführliche theoretisch-practische Anweisung zum Piano-Forte-Spiel, vom ersten Elementar-Unterrichte an, bis zur vollkommensten Ausbildung; Sr. Majestät dem Kaiser von Rußland Nikolaus. I. in tiefester Unterthänigkeit zugeeignet. Wien: Tobias Haslinger, 1828.

Koch, Heinrich Christoph: Musikalisches Lexikon, welches die theoretische und praktische Tonkunst, encyclopädisch bearbeitet, alle alten und neuen Kunstwörter erklärt, und die alten und neuen Instrumente beschrieben, enthält. A-Z. Frankfurt am Main: August Hermann, 1802.

Moscheles, Charlotte (Hg.): Aus Moscheles' Leben. Nach Briefen und Tagebüchern. Zweiter Band. Leipzig: Duncker & Humblot, 1873.

Mozart, Leopold: Versuch einer gründlichen Violinschule entworfen und mit 4. Kupfertafeln sammt einer Tabelle versehen. Augsburg: Johann Jacob Lotter, 1756.

Quantz, Johann Joachim: Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen; mit verschiedenen, zur Beförderung des guten Geschmackes in der praktischen Musik dienlichen Anmerkungen begleitet, und mit Exempeln erläutert. Nebst XXIV Kupfertafeln. Berlin: Johann Friedrich Voß, 1752.

Schiedermair, Ludwig (Hg.): Die Briefe W. A. Mozarts und seiner Familie. Erste kritische Gesamtausgabe. Erster Band. München/Leipzig: Georg Müller, 1914.

Spohr, Louis: Violinschule. Mit erlæuternden Kupfertafeln. Wien: Tobias Haslinger, [1832].

[Tosi, Pier Francesco]: Anleitung zur Singkunst. Aus dem Italiänischen des Herrn Peter Franz Tosi, Mitglieds der philarmonischen Akademie; mit Erläuterungen und Zusätzen von Johann Friedrich Agricola. Berlin: George Ludewig Winter, 1757.

Türk, Daniel Gottlob: Klavierschule, oder Anweisung zum Klavierspielen für Lehrer und Lernende, mit kritischen Anmerkungen. Leipzig/Halle: Schwickert, Hemmerde und Schwetschke, 1789.

V: 17.03.2022

LA: 03.12.2024

Autor: Dirk Spönemann